Von Manfred Sack

Es ist ein eigenartiges Gefühl, wenn plötzlich jemand über einen redet. Natürlich, der Conférencier! Er sitzt in einer goldenen Gondel, die von zwei Musen getragen wird, welche die Arme weit nach vorn und nach hinten strecken. Er schwebt hinab auf die Bühne, steigt aus, schmunzelt, "toll, nicht?" "Beifall. Während die Gondel in die Rückwand des Saales zurückkehrt, weiß man, was der Satz bedeutet: "Der Saal verfügt über vier Flugwerke." Wenn der Witz auch nicht mehr recht zündet, weil man beim zweitenmal weiß, wie’s geht, erlaubt er doch den Artisten, durch die Luft aufzutreten. Keine Frage, im neuen, vorige Woche eröffneten Friedrichstaatpalast ist an alles gedacht und an nichts gespart worden.

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Diesmal also, könnte man denken, würde es schnell gehen. Diesmal haben sie doch etwas Freundliches zustandegebracht, ein Revuetheater, in dem man staunen, lachen, einen Ansager politische Witze machen hört. Aber das Ministerium für auswärtige Angelegenheiten sieht die Angelegenheit anders. Der Antrag brauchte fast acht Wochen, ehe es den Bearbeiter der Abteilung für journalistische Beziehungen zu dem beschwichtigenden Anruf ermunterte, "etwas" werde schon klappen, er würde sich rechtzeitig melden. Wenn wir nicht am Tag vor der geplanten, nun aber zu verschiebenden Abreise unmutig nachgefragt hätten, wer weiß, dann wären vielleicht keine journalistischen Beziehungen geknüpft worden.

Die erbetenen Gespräche mit dem Chefarchitekten der Stadt und dem Generalkonservator der DDR kamen nicht zustande, eine Eintrittskarte gab es mit Ach und Krach, das Visum wurde nicht für drei, sondern nur für zwei Tage erteilt. Aber daß die Deutsche Mark in Ost-Berlin mächtiger ist als die Politik, wußte schon der Grenzbeamte, der nach dem Visum herumtelephonieren mußte, das doch hinterlegt sein sollte. "Seien Sie man ruhig", sagte er, "das Hotel macht das schon." Das Hotel machte das sofort, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Es hat eine eigene Visumabteilung.

Keine Staatsaffäre stand bevor, sondern nur die Eröffnung eines neuen Vergnügungsinstitutes, des einzigen diesseits-jenseits-deutschen Revuetheaters (wenn man das tapfer sich behauptende Hamburger Varieté, das Hansa-Theater, einmal beiseite läßt). Natürlich war es doch eine Staatsaffäre. Schon auf dem Weg zur Eröffnung bemerkte man neben den unheimlich vielen graugrünen Polizisten unheimlich viele, die in weißen Mänteln mit weißen Stöcken den Verkehr umzuleiten und die Staats- und Diplomatenautomobile vor den Fußgängern zu schützen hatten. Selbst Festgäste, lauter Werktätige, die die Straße überqueren mußten, wurden nach eselsgeduldigem Warten mit dem weißen Stock zurückgejagt, weil der Polizist soeben noch ein schwarzes Auto entdeckt hatte, zweihundert Meter weg, das langsam näher kam. Es herrschten Sicherheit und Ordnung in der DDR.

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