Von Heinz Michaels

Es gibt in der Tarifpolitik keine Parallele zu dem gegenwärtigen Arbeitskampf zwischen der IG Druck und Papier und dem Bundesverband Druck. Es gibt nur Superlative, die reif sind für das Guinness-Buch der Rekorde:

  • Zum ersten Mal hat ein Arbeitgeberverband ein Angebot von drei Prozent Lohnerhöhung gemacht, bevor die Gewerkschaft überhaupt eine Forderung formuliert hat.
  • Zur Diskussion stehen zwischen den beiden Tarifpartnern insgesamt dreißig bis vierzig Gewerkschaftsforderungen. Wie viele es genau sind, kann nicht einmal der Sprecher der Arbeitgeber sagen.
  • Die Ausgangsforderungen der IG Druck würden die Lohnkosten im Branchendurchschnitt – so sagen die Unternehmer – um über vierzig Prozent erhöhen. Die Gewerkschaft bestreitet diese Rechnung natürlich.
  • Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stehen zwei Gewerkschaftsforderungen: die Einführung der 35-Stunden-Woche und Einführung einer neuen Lohnstruktur. Wichtige Themen sind ferner: mehr Mitbestimmung für den Betriebsrat und besserer Rationalisierungsschutz. Von den Arbeitgebern wurde zudem der Lohntarif ins Spiel gebracht, der von IG Druck gekündigt wurde. Im Gegensatz zur Auseinandersetzung in der Metallindustrie steht eine tarifliche Vorruhestandsregelung nicht zur Diskussion.

Das Rechenwerk der Unternehmer für dieses Forderungspaket sieht nun wie folgt aus: 18,6 Prozent mehr Lohnkosten durch die 35-Stunden-Woche, dazu 17,3 Prozent durch die Lohnstruktur, 3 Prozent mehr Lohn – insgesamt also 38,9 Prozent. Hinzu kämen schwer quantifizierbare Belastungen durch mehr Mitbestimmung und besseren Rationalisierungsschutz, so daß die Gesamtbelastung auf über vierzig Prozent – wahrscheinlich zwischen 42 und 45 Prozent – steigen würde. Nach dem letzten Stand der Gespräche zwischen den Tarifparteien sind die Arbeitgeber allerdings von dieser anfänglich publizierten Rechnung abgerückt, ohne daß sie in der Lage wären, neue Zahlen zu nennen.

Der Lohnstruktur-Vertrag

Dieser Vertrag legt die Zahl der Lohngruppen, ihre Entlohnung in Prozentsätzen vom "Ecklohn" und die Zuordnung der einzelnen Tätigkeiten zu den Lohngruppen fest. Eine Neuformulierung ist notwendig, nachdem in der Druckindustrie die Elektronik die alten Bleisetzmaschinen verdrängt hat und Rotationsdruckmaschinen von hochgezüchteten Mikroprozessoren gesteuert werden.

Bei diesem Komplex sind sich die streitenden Parteien sachlich am weitesten entgegengekommen. Die Arbeitgeber halten ihn für "schon einigungsfähig"; die IG Druck wirft ihren Kontrahenten allerdings noch "Erpressung und Vertragsbruch vor.