Auch im Zimmer des 17jährigen Michael Ristow steht ein Computer. Über den Bildschirm flimmert jedoch kein Krieg der Sterne und auch kein "Pac Man", sondern Diabetics Aid: ein Programm, das Zuckerkranken bei der Kontrolle und Einhaltung von Therapiemaßnahmen hilft. Der Lübecker Schüler hat es aufgrund eigener Erfahrungen geschrieben. Er leidet seit einigen Jahren selbst an Diabetes mellitus.

Michael Ristow, der bereits fünf Mal an dem naturwissenschaftlichen Wettbewerb "Schüler experimentieren" teilnahm, startete in diesem Jahr mit dem Computerprogramm erstmals in der Sparte "Jugend forscht". Mit seiner "softwaremäßigen Verarbeitung von praktischer und didaktischer Diabetologie" (so der Titel seiner Arbeit) gewann er am Montag vergangener Woche auf dem Bundeswettbewerb Jugend forscht ’84 in Augsburg den mit 3 000 Mark dotierten Preis des Bundespräsidenten "für eine außergewöhnliche Arbeit".

Ristow entwickelte das Programm, das ein Laie mit Personalcomputer und Schreibmaschinenkenntnissen bedienen kann, weil "die Diabetikerschulung sehr mangelhaft oder unzureichend ist". ir Zuckerkranke kann mangelndes Wissen über ihre Krankheit verhängnisvoll sein. Denn der Erfolg der Behandlung hängt vom Patienten selbst ab, nachdem sein Stoffwechsel vom Arzt eingestellt worden ist. Ein Diabetiker muß seine Mahlzeiten abwiegen und den Diätplan zusammenstellen, zu bestimmten Zeiten essen und Insulin spritzen, den Zuckerspiegel in Blut und Urin kontrollieren und über alles auch noch Buch führen. Michael Ristow: "Das macht nur jemand ordentlich, der über das Warum Bescheid weiß".

Im ersten Teil seines Selbsthilfeprogramms faßt der Schüler in Kurzform alles zusammen, was Diabetiker über ihre Stoffwechselerkrankung wissen sollten. Der Computerbenutzer kann zum Beispiel Informationen über die Geschichte der Zuckerkrankheit, Therapieziele, Insulinarten oder Diätgrundlagen abrufen oder sich per Knopfdruck über "Diabetiker auf Reisen" oder "Diabetes und Autofahren" unterrichten lassen. Mit Hilfe von Fragen, die er mit ja oder nein beantwortet, überprüft er schließlich selbst, ob er seine Lektion gelernt hat.

Der erste Teil des Programms informiert auch über Spätschäden wie Netzhautveränderungen, Nervenentzündungen oder Durchblutungsstörungen. Solche Schäden bedrohen besonders Menschen, die als Jugendliche an Diabetes erkranken. Allein in der Bundesrepublik leben schätzungsweise 10 000 jugendliche Diabetiker. Insgesamt sind nach offiziellen Angaben rund zwei bis drei Prozent der Bevölkerung zuckerkrank; vermutlich leiden jedoch mehr Bürger an Diabetes mellitus.

Je schlechter ein Zuckerkranker die Therapiemaßnahmen befolgt, desto eher betreffen ihn Spätschäden. "Weil das zu oft verdrängt wird und dann die Disziplin wieder nachläßt", ruft Ristow mit Hinweisen in späteren Programmteilen diese Folgen dem Programmbenutzer ins Gedächtnis.

Für den zweiten, praktischen Teil gibt der Patient zunächst alle "unveränderlichen Werte" ein. Dazu gehören die vom Arzt verordnete Behandlung, Angaben zur Krankengeschichte und aufgetretene Komplikationen. Das Programm überprüft alle Angaben auf ihre Plausibilität und fragt bei Unklarheiten nach. Diese Festwerte dienen dann als Vergleich für die täglich einzugebenden Daten. Ristow selbst füttert den Computer in der Regel dreimal am Tag mit seinen Daten, beispielsweise mit dem Zeitabstand zwischen Essen und Insulinspritze, der Insulinmenge und -art und den Ergebnissen der Stoffwechselkontrollen.