Der Film beginnt in einem Wald voll Zwielicht. Sonnenstrahlen fallen gelb in eine Schneise, die mit Farnkraut zugewachsen ist. Wie aus dem Meer taucht aus dem Grün der Lichtung der Oberkörper einer Frau auf. Sie ist nackt, schön, offenbar glücklich. Wohlig räkelt sie sich im Farn. Was für ein Film fängt so an?

Die im Wald ist die Schauspielerin Katharina Thalbach. Ihr Name steht für Filme wie "Engel aus Eisen", "Domino" – beide von Thomas Brasch, in dessen Theaterstücken sie auch auftrat. Nehmen wir diesen Anfang zwischen deutschem Märchen und Soft-Porno als ein Rätsel.

Gleichzeitig beginnt der Film auch in der Stadt. Ein Mann geht schlendernd zur Arbeit. Er trägt einen grauen Anzug und einen langweiligen Schlips. Er ist ganz offensichtlich ein Angestellter oder ein Beamter, den die tägliche Verwaltungsarbeit in eine ihm angenehme Gelassenheit versetzt. In der Fußgängerunterführung, durch die sein Weg zur Arbeit führt, wird eine Frau verhaftet. Auffällig ist daran nur die freundliche Selbstverständlichkeit, mit der man das regelt, sozusagen in gegenseitigem Einverständnis. Die bürgerliche Wohlanständigkeit der Szene steht in krassem Gegensatz zum verkommenen Zustand der Unterführung. Mitten im Dreck liegt ein Mann. Auch das scheint selbstverständlich. Der Verwaltungsbeamte schlendert an ihm vorbei zur Arbeit. Es ist der Schauspieler Branko Samarovski – eine merkwürdige Besetzung für einen braven Büromenschen. Nehmen wir auch das für ein Rätsel.

Bevor man in Richard Blanks erstem Kinofilm "Friedliche Tage" etwas von der Handlung begreift, weiß man schon viel über die Dramaturgie. Hier laufen zwei Geschichten aufeinander zu. Ein Count-down hat begonnen. Bei Zero wird es einen Knall geben (und die Rätsel werden sich lösen). Nach dieser Dramaturgie laufen nicht friedliche Tage ab, sondern Action-Filme.

Der Verwaltungsbeamte Robert Kern hat ein Gebäude betreten, dessen Innenansicht nicht zum Bleiben einlädt. Graue Wände, trostlose Gänge, schäbig möblierte Zimmer: kein Gefängnis, kein Amt und doch beides zugleich. Am Hintereingang wird ein LkW mit Särgen beladen. Frau Dömer (Helga Engel), die eben in der Fußgängerunterführung verhaftet wurde, sitzt friedlich in einem der Zimmer, ihren Hut auf dem Schoß. Auch bei Herrn Stüber (Jan Bicyzchi) ist es sein großes Desinteresse, das ihn beschwichtigt. Er frühstückt gottergeben, während Kern ihn besucht und sagt: "Heute ist Ihr Tag, Herr Stüber".

Es herrscht eine unheimliche Ruhe im Land, zu dem diese Anstalt gehört. Da schreit auf einmal eine Frau laut auf und schlägt von innen gegen eine verschlossene Tür: Hanna Rinkes (Katharina Thalbach). In der Kantine wird unter Kerns Kollegen der Vorfall besprochen: "Diese Art Leute sollten gar nicht hergebracht werden. Die gehören in eine Anstalt." Welche Leute werden sonst hergebracht? Ist das hier keine Anstalt? Kern spricht darüber mit seinen Kollegen: "Auf jeden Fall ist da ein System dahinter. Sonst gäb’s das doch gar nicht..." Herr Stüber nimmt neben einer Frau auf einer Bühne Platz. Die anderen Häftlinge sitzen im Zuschauerraum bei Kaffee und Kuchen. Ein Kollege von Kern sitzt neben dem Delinquenten auf der Bühne: "Der Vorwurf lautet: Mangel an Selbstverwirklichung. Das Urteil ist bekannt." Ein Stromstoß – und wieder ist ein Ununterscheidbarer, ein Gleichgültiger, ein Desinteressierter exekutiert. Jetzt ist alles klar: Robert Kern ist Henker. Richard Blank hat Orwell umgedreht.

"Friedliche Tage" ist ein Versuch, Orwell zu aktualisieren. Blank zeigt lauter Bundesbürger, die längst "den Sieg über sich selber" errungen haben und den Großen Bruder lieben. Bei Blank wird hingerichtet, wer zu Kreuze kroch. Amnestie erhalten die Aufsässigen. Zu ihnen gehört Hanna Rinkes. Als Kern in ihre Zelle kommt, versucht sie ihn zu verführen. Traurig zeigt sie ihm einen Busen her. Die Kamera verfolgt Kerns Hand, wie sie auf Hanna Rinkes Brust zufährt. Schnitt. Kern schlägt zu. Schnitt. Katharina Thalbachs Gesicht ist naß von Tränen, aber dann beweist sie, daß sie zu Unrecht verhaftet wurde. Noch in der tiefsten Demütigung bleibt sie selbstbewußt. Im Befehlston sagt sie: "Sie helfen mir hier raus!".

Später, wenn sie bei ihrer Firma, die in die Verhaftungswelle verstrickt ist, gekündigt hat, spielt sie in einem Supermarkt jungfilmhaft verrückt. Kauft ein, leert den Wagen wieder aus, verstellt alles, beißt die Waren an. Eine Szene von so heiterer Ausgelassenheit, wie sie Katharina Thalbach vermutlich noch nie gespielt hat.

München, Viktualienmarkt, 1984. Alles wie immer. Und doch nicht: Der Henker und Hanna Rinkes flüchten aufs Land und treffen einen Jäger (Beppo Brehm), dessen Jagdfieber auf ausgestopfte Amisein zielt. Nach vielen Komplikationen erreichen die beiden als Verliebte die "Pension Elvira". Frau Silvia (Hannelore Schroth), die Besitzerin, Perlenketten im Haar, Silbersterne auf dem üppigen Busen, röchelt voll Hingebung ihr Lieblingswort: "amore" und stellt sich vor: "Ich bin noch vom alten Stil". Mit Oberst Schönfeld (Raphael Klachkim), der immer noch von der Schlacht bei Claque-Sur-Marne lebt und sich mit Monokel im Auge auf Schuld und Ehre besinnt, tanzt sie vor Hanna und Robert Tango: zwei klappernde Marionetten. Später feiern sie den Jahrestag der Schlacht: "Das Blutbad". Der Oberst, weinend: "Von uns überlebte keiner." Silvia, gerührt: "Er hat’s immer ganz anders erzählt". Der Oberst erhängt sich. Wieder ein Toter! So ist Silvia die letzte Individualistin alten Stils. Ständig in Gefahr, von der Grande Dame zur Puffmutter abzurutschen, schwärmt sie trotz Tod und Henker vom Striptease: "Die Entkleidungskünste der Trauernden . Schon in seinen Fernsehfilmen ("Das Hausschaf", "Revolution im Ballsaal") hat Richard Blank Hannelore Schroth, die Gloria Swanson des deutschen Kinos der Fünfziger Jahre, wieder entdeckt. In seinem Film "Erinnerung – Sicaron" ließ Blank sie ein Gedicht von Ingeborg Bachmann flüstern: "Jeder, der fällt, hat Flügel". Das war 1982. In der Welt, wie sie sich Blank zwei Jahre später vorstellt, ist das Gedicht eine Lüge. Die hier fallen, sind keine Engel: Mitläufer, Lemmin-

Szene für Szene zeigt Blank, wie sich unter dem Boden der Tatsachen ein Abgrund öffnet, unter der Realität die Farce. Robert Kern, der die Delinquentin Hanna Rinkes in die Freiheit entließ, wird dafür am Ende des Films zu einer Art Oberhenker befördert, weil er einen Rest von Mut und Selbstbewußtsein bewiesen hat. Das ist das letzte Bild: die Frau, die aus den Wäldern kam, sieht das und wendet sich ab. Dann ist auch das Rätsel des Anfangs gelöst. Im Farn hat Hanna gelegen, um "mit der Erde zu schlafen". Sie erzählt das Märchen von Sasabu und einem Königreich unter der Erde. Von oben, vom Himmel haben wir nichts mehr zu erwarten. "Friedliche Tage": das ist nicht irgendein flottes Movie, sondern ein durchdachter, dramaturgisch hervorragender, schauspielerisch beeindruckender Autorenfilm, mit beiden Augen bei der Sache, statt mit einem in Hollywood. Helmut Schödel