Von Erika Martens

Der Arbeitskampf hatte am Montagmorgen gerade erst begonnen, da sorgte sich schon ein erfahrener Kämpe. "Kollegen", warnte er, "dies darf nicht wieder ein Tapezierstreik werden". Halb belustigt, halb verärgert erinnerten sich die Umstehenden: Bei einem Ausstand im Jahre 1963 gab es in ganz Stuttgart bald keine Tapeten mehr zu kaufen. "Die Streikenden haben an den arbeitsfreien Tagen ihre Wohnungen wieder auf Vordermann gebracht", erzählte ein Streikposten vor dem Werk Markgröningen des Stuttgarter Kolbenherstellers Mahle.

Seit Anfang dieser Woche wird in der Metallindustrie im Südwesten wieder einmal gestreikt. Rund 14 000 Arbeiter in fünfzehn Betrieben hat die Industriegewerkschaft Metall in den ersten Tagen aufgerufen, die Arbeit niederzulegen, um der Forderung nach Verwirklichung der 35-Stunden-Woche Nachdruck zu verleihen. Und die 14 000 reichen aus, um die Produktion in den meisten deutschen Autofabriken binnen einer Woche lahmzulegen. Denn ohne Kolben und Kühler, ohne Dichtungen und elektrische Ausrüstung lassen sich die Wagen nicht bauen.

Die gewerkschaftliche Taktik ist leicht zu durchschauen. Mit möglichst wenig finanziellem und personellem Aufwand will die IG Metall möglichst große Wirkung erzielen. Anders als bei früheren Arbeitskämpfen, als die Gewerkschaftsmitglieder in den großen Autounternehmen meist stellvertretend für die Kollegen von mittleren und kleinen Betrieben in den Streik zogen, geht die IG Metall diesmal zunächst den umgekehrten Weg. Denn gerade die mittleren und kleinen Firmen im Arbeitgeberverband Gesamtmetall sind es, die sich besonders hartnäckig gegen die Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit wehren.

"Mit den Großunternehmen allein hätten wir schon längst den Durchbruch geschafft", meint ein Mitglied der Tarifkommission. Und auch Arbeitgebervertreter klagen hinter vorgehaltener Hand, die Verhandlungen könnten schon viel weiter sein, wenn es nur um eine Regelung für die Großen ginge. Wie ernst es die Unternehmer aus dem Mittelstand meinen, beweist ein ganzer Stoß von Briefen in der Kölner Verbands zentrale, in denen Firmenchefs für den Fall, daß ihre Spitzenfunktionäre sich doch auf eine Wochenarbeitszeitverkürzung einlassen, schon jetzt vorsorglich ihren Austritt aus dem Arbeitgeberverband erklären.

Daß freilich der Arbeitskampf die Widerspenstigen nachgiebiger stimmt, bezweifeln sogar manche der Streikenden. Dennoch, "die Stimmung ist gut", hieß die Parole am Montagmorgen vor den Werktoren. Zwar goß es in Strömen, und auch die Temperaturen waren nicht gerade milde, aber das, machte den meisten nicht viel aus. "Hauptsache, es schneit nicht." Dennoch waren viele Arbeiter zwei, drei Stunden nach Schichtbeginn schon wieder auf dem Weg nach Hause und überließen das Feld Funktionären und Journalisten.

Vor den Werktoren hielten derweil Streikposten Wache, häufig Kollegen aus Betrieben, die noch nicht in den Arbeitskampf einbezogen sind, oder Gewerkschaftssekretäre, die in ganzen Trupps aus allen Teilen Baden-Württembergs anreisten. Aus Karlsruhe kamen vierzig Metaller, um die Mannschaft der Zahnradfabrik Friedrichshafen (ZF) in Bietigheim-Bissingen zu verstärken; zum Kolbenhersteller Mahle nach Markgröningen fuhren Arbeiter aus Mannheim und Ottenburg. Und bei der Kühlerfabrik Behr in Stuttgart-Feuerbach stand schon frühmorgens um fünf Uhr das Info-Mobil der Metaller aus Duisburg, in dem sich Streikposten und Vorstandsherren aus Frankfurt bei Kaffee aufwärmten und mit der Polaroid-Kamera für das Bild in der Streikplakette ablichten ließen. IG Metall-Chef Hans Mayr und sein Vize Franz Steinkühler mußten sich sogar zweimal knipsen lassen. Ein Photo wollen die Duisburger als Andenken mit nach Hause nehmen.

Draußen schüttelten Mayr und Steinkühler fernsehwirksam Hände, gönnten den Streikposten ein paar aufmunternde Worte und standen vor Dutzenden von Reportern Rede und Antwort. "Die Streikfront steht", und "Wir haben einen langen Atem" – das waren zwei ihrer stereotypen Antworten auf immer dieselben Fragen.

Als die Prominenz sich dann zum Frühstück verdrückte, wurde es wieder ruhig vor dem Tor der Kühlerfabrik Behr. Streikbrecher hat es nur wenige gegeben. Manche von ihnen sind schon vor fünf Uhr, bevor die ersten Posten ihre Plätze eingenommen haben, an ihre Arbeitsplätze gegangen. Andere haben sich der Gruppe der Auszubildenden angeschlossen, die mit Sonderausweisen Zutritt zum Betrieb bekommen.

Am Dienstagmorgen gab es dann jedoch einen bedrohlichen Zwischenfall. "Wenn Ihr bis zehn Uhr nicht weg seid, werdet Ihr erschossen", heißt eine anonyme Warnung an die Streikposten vor dem Tor des Mahle-Werkes in Markgröningen. Auch die Polizei erhielt das Pamphlet. Vorsichtshalber zogen deshalb Polizisten statt der Streikposten vor dem Betrieb auf.

Auf Seiten der Streikenden aber, das muß auch Dieter Kirchner anerkennen, der Geschäftsführer vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall, ging es beim Streikbeginn sehr diszipliniert zu. Der Kampf sei eben "bestens, generalstabsmäßig vorbereitet". Weniger freundliche Worte fand der Arbeitgebervertreter für die Streiktaktik, die er "brutal, zynisch und infam" nennt. Und wenn die IG Metall meine, auf diese Art den Arbeitskampf über mehr als hundert Tage finanziell durchhalten zu können, so solle sie sich keine Illusionen machen. "Das können die Unternehmer auch", warnt Arbeitgebersprecher Werner Riek.

Die Antwort der Unternehmer auf die Arbeitsniederlegungen wird nicht lange auf sich warten lassen; Aussperrung und Kurzarbeit sind programmiert. Schon zum Wochenende dürfte sich die Zahl der vom Streik Betroffenen auf mehrere Hunderttausend erhöht haben. In der nächsten Woche könnte eine Million Arbeiter ohne Beschäftigung sein.

Anders als in früheren Jahren haben heute weder die Autofirmen selbst noch ihre Zulieferer große Lagerbestände. "Das wäre viel zu teuer", erklärt der Einkaufschef eines großen Herstellers. "Die Vorräte haben wir in den letzten Jahren bewußt zurückgeschraubt, um Kosten zu sparen."

Beim Volkswagenwerk und bei Daimler Benz, bei Opel, Porsche und BMW wird spätestens in der nächsten Woche nicht produziert werden können. Nur bei den Kölner Ford-Werken hofft die Geschäftsleitung, die sich auf den europäischen Verbund des Konzerns stützen kann, noch ein paar Tage länger durchhalten zu können.

Wenn erst die Automobilproduktion stillsteht, dann müssen auch nichtbestreikte Zulieferanten bald die Bänder stillegen, weil sie ihre Produkte nicht mehr loswerden. Der Reifenhersteller Conti Gummi will zum Beispiel schon vorsorglich Kurzarbeit anmelden, weil seine Manager befürchten, daß die Autofirmen über kurz oder lang ihre Bestellungen stornieren.

"Der Arbeitskampf muß wehtun." Darin ist sich die Gewerkschaft sogar mit manchem Arbeitgeber einig. "Sonst haben neue Verhandlungen gar keinen Sinn", verrät ein Manager im vertraulichen Gespräch.

IG Metall-Chef Hans Mayr hat denn auch schon am ersten Streiktag die Arbeitgeber fast flehentlich gebeten, wieder an den Verhandlungstisch zurückzukehren. "Das hat", beugt er vor, "nichts mit Schwäche zu tun". Aber: "Ein Streik ist kein Selbstzweck." Der alte Tariffuchs der IG Metall weiß, worum es geht. "Man muß seine Nerven behalten, seinen Verstand gebrauchen, aber auch das Herz, denn Streik ist für die Arbeiter eine ernste Sache."

Das Drängen auf neue Gespräche freilich signalisiert nicht nur Kompromißbereitschaft. Allzu gut weiß Mayr, daß die "Nadelstichpolitik" bald verheerende Folgen haben kann. Denn wenn erst einmal Firmen, die nur mittelbar vom Arbeitskampf betroffen sind, ihre Produktion einstellen, weil innen Abnehmer oder Aufträge fehlen, könnte die ohnehin nicht bombensichere Stimmung unter den Arbeitnehmern rasch gegen die Gewerkschaft umschlagen.

Die Beschäftigten, die von einer solchen "kalten Aussperrung" betroffen wären, sind nämlich ganz arm dran. Sie können weder mit Streikgeld noch mit Lohn rechnen. Und ob die Bundesanstalt für Arbeit den Mitarbeitern solcher Betriebe, die wegen der Streikfolgen Kurzarbeit beantragen, Unterstützung zahlt, ist höchst fraglich. "Ich hoffe, daß sich die Bundesanstalt neutral verhält", meint Hans Mayr. Doch mehr als diese Hoffnung kann er nicht haben.

"Streik ist nicht des Teufels", heißt es ermutigend auf einem Flugblatt der Katholischen Betriebsseelsorge, das vor dem Werktor der Kühlerfabrik Behr verteilt wurde. Und davon sind die Metaller auch überzeugt. Insgeheim freilich fürchten sie dennoch "teuflische Auswirkungen" durch die denkbaren Reaktionen der Unternehmer. Das strahlende Lächeln, das die Spitzenfunktionäre aus Frankfurt vor Fernsehkameras und Streikposten zur Schau tragen, war nach der feuchten morgendlichen Good-will-Tour denn auch rasch erloschen. Nach Sieges- und Kampfparolen tönte dann plötzlich vor einem Werktor ein Schlager der Pop-Gruppe Geier Sturzflug aus dem Lautsprecher: "Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt."

Niemand wußte zu sagen, wie ausgerechnet dieser Titel auf das Band der Streikleitung gekommen ist.