Unterm Kanzler-Schirm – Seite 1

Keine falsche Bewegung!" zischte mir jemand ins Ohr. Vor mir den "Tatort", spürte ich im Nacken eine Pistole. Mußte ja mal so kommen, wenn man Parterre wohnt und die Terrassentür immer offen läßt.

"Geld raus!" forderte mich mein Besucher auf.

"Wenn Sie bei mir was finden, kriegen Sie von mir eine Belohnung", versprach ich ihm.

Er sah sich um. "Bei Ihnen sieht’s ja aus wie bei einem Chaoten", meinte er angewidert.

Ich sei seit gestern ohne Hilfe, entschuldigte ich mich.

"Ihre Wertsachen, aber dalli dalli!"

Ich lachte kurz auf. "Wertsachen – bei mir? Da müssen Sie sich schon selber bemühen."

Unterm Kanzler-Schirm – Seite 2

"Sie sind nicht gerade sehr kooperativ", nörgelte er und ließ eine Miniatur von der Wand in seine Aktentasche wandern.

Ich wollte diese Begegnung nicht ungenutzt verstreichen lassen: "Wie sind Sie auf die schiefe Bahn geraten? Waisenhaus? Erziehungsheim? Jugendknast, das Übliche?"

Während er sich an meinem Schreibtisch zu schaffen machte, erteilte er mir Bescheid: "Sie werdend mir nicht glauben, aber ich bin der Sohn ehrbarer Eltern und war noch vor einem Jahr ein kreuzbraver Mensch und redlicher Steuerzahler. Ihre Kravattennadel, bitte, ich möchte Ihnen nicht wehtun. Danke."

Ich sah ihn aufmunternd an. "Also gut: Es hat wohl mit Bonn zu tun, also mit einer bitteren Enttäuschung.

"Halten Sie mich ruhig für schrecklich naiv, aber ich habe mal an die GEMOWE geglaubt!"

"GEMOWE? Geistig-moralische Wende?"

Er nickte. "Aber irgendwann merkte ich, daß unser allzeit vergnügter Kanzler das gar nicht so ernst gemeint hatte. – Ihre Schuhe gefallen mir, Maßarbeit? Dieselbe Größe wie ich – 43!" Während er meine Schuhe anprobierte, fuhr er fort:

Unterm Kanzler-Schirm – Seite 3

"Ich entdeckte zum Beispiel, daß bei uns nur die Dummen Steuern zahlen, also Lohnempfänger. Da war bei mir der Ofen aus. – Ihre Uhr gefällt mir. Danke. – Mir gingen einfach die Augen auf über die landesüblichen Gepflogenheiten."

"Ich hätte eine Frage: Wie kamen Sie gerade auf mich?"

"Bei Ihnen als Manager..."

"Der Manager wohnt nebenan!"

"Oh pardon!", sagte er und griff mir in die innere Sakkotasche.

"Und das Risiko? Wenn man Sie erwischt?" Er lächelte souverän.

"Dann sage ich einfach, bei mir habe es am Unrechtsbewußtsein gefehlt. Nach Artikel 3, Absatz 1 der Verfassung sind vor dem Gesetz alle gleich. Also habe ich auch einen Amnestie-Anspruch wie die Steuersünder. Ich stelle mich einfach unter den persönlichen Schirm des Kanzlers. Der läßt keinen im Regen stehen – nicht Wörner, nicht Lambsdorff, keinen von geld-geilen Finanzbeamten verfolgten Handwerksmeister. Und mich auch nicht." Ich sah plötzlich rot.

Unterm Kanzler-Schirm – Seite 4

"Wissen Sie, was Ihnen blüht, wenn ich, um zu verhindern, daß Sie mit solch ehrenwerten Persönlichkeiten unter einem Schirm stehen, als Zeuge gegen Sie aussage, daß Sie dieses Haus besetzen und mich für eine kriminelle Vereinigung anwerben wollten?" – Er ließ alles stehen und liegen und rief mir von der Tür grimmig zu:

"Pfui! Was haben Sie für einen kriminellen Charakter!"

"Meine Schuhe!", rief ich ihm noch nach.