Die Folgen des deutschen Streiks reichen bis in die Alpenrepublik: Rund 300 österreichische Unternehmen, von ganz großen bis zu ganz kleinen, liefern auch an die deutsche Autoindustrie. Stehen dort die Räder still, rührt sich auch in vielen Betrieben Österreichs nichts mehr. Es gibt Befürchtungen, daß bis zu 12 000 Arbeitnehmer in Österreichs Betrieben wegen des Streiks in der Bundesrepublik vorübergehend ohne Beschäftigung dastehen könnten. Österreich Streiks tiert für rund 1,7 Millarden Marie Produkte an die Autoindustrie der Welt, der Großteil davon geht nach Deutschland.

Besonders betroffen sind die österreichischen Werke von BMW und General Motors. BMW hat diese Woche 350 seiner insgesamt 1300 österreichischen Beschäftigten auf Sonderurlaub geschickt, weil das Mutterwerk die Motoren aus Steyr zur Zeit nicht mehr braucht Zunächst wird versucht, den Leuten freiwilligen Urlaub schmackhaft zu machen. Wenn die Streiks in Deutschland länger dauern, soll Kurzarbeit vereinbart werden. Nach den Vorstellungen von BMW soll die österreichische Arbeitsmarktverwaltung zu den Kosten der Kurzarbeit einen Beitrag leisten.

General Motors in Wien hat noch eine Gnadenfrist von ein paar Tagen, dann droht auch dort der Produktionsstopp, wenn bei der deutschen General Motors Tochter, bei Opel in Rüsselsheim, die Bänder stehen, hat auch Wien nichts mehr zu tun. Urlaub für mehr als 2000 Beschäftigte scheint auch dort die einzige Möglichkeit.

Der Streik im Nachbarland trifft aber auch österreichische Betriebe. Das Flaggschiff der österreichischen Schwerindustrie, die staatliche Voest, liefert Stahlbleche für die bundesdeutsche Autoindustrie; mit Ausnahme von Ford sind direkt oder indirekt alle deutschen Autobauer Voest-Kunden. Beim Hauptstandort Linz des österreichischen Stahlgiganten wären rund fünfzehn Prozent der Produktion davon betroffen. Die österreichischen Stahlgiganten wären aber nicht nur als Lieferant unter den Folgen des Streiks: Voest hält, genau wie die deutsche Industrie, nur kleine Läger, ist also auch auf Waren aus deutschen Fabriken genau wiesen. "Für unseren Anlagenbau könnten sich daraus Schwierigkeiten deutschen erklärt Voest-Sprecher Sammer.

Zur langen Liste der Streikopfer unter Österreichs mittleren und kleinen Betriebe zählt zum Beispiel auch der 250-Leute-Betrieb Zizala, der Scheinwerfer und Karosserieteile in die Bundesrepublik verkauft – die Teppichfabrik Eybl, die Stoffe für den Innenraum deutscher Autos liefert, mußte für immerhin 70 ihrer rund 400 Beschäftigten Kurzarbeit anmelden, ein Gießereiunternehmen südlich von Wien mit rund 120 Beschäftigten, der zehn bis 20 Prozent seiner Produktion an deutsche Autozulieferer im Stuttgarter Raum exportiert, klagt: "Dauert der Streik länger, müssen wir ohne Überstunden arbeiten."

Für den Ausstand in Deutschland hat auch der Gesetzgeber in Österreich keine Vorsorge getroffen. Einen ähnlichen Fall hat es noch nicht gegeben, es gibt also keine richterlichen Entscheidung gen dazu. Offen ist deshalb, wie weit die Arbeitgeber den entstandenen Schaden allein tragen müssen, ob es Lohnkürzungen oder staatlich gestützte Kurzarbeit gibt. Juristen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern brüten zur Zeit über der Auslegung von Gesetzesbestimmungen.

Streik im Nachbarland und dazugehöriger Lieferstopp, darauf wird man sich wohl einigen, zählt zu den Ereignissen wie Mangel an Aufträgen oder Material, für die der Arbeitgeber vorsorgen muß. Den Fall von höherer Gewalt kennen Österreichs Gesetze in diesem Zusammenhang nicht. Den Arbeitgebern steht bei unfreiwilligem Betriebsstillstand normales Entgelt zu. Nicht so aber bei jetzt hauptbetroffenen Gruppe, den Metallarbeitern: Ihr Tarifvertrag sieht vor, daß es in einem solchen Fall nur 75 Prozent vom Lohn gibt, und das 21 Tage lang. Die Juristen plagt daher eine solchen Sorge: Was ist, wenn zum Beispiel BMW oder General Motors, die total von der Situation ihrer Mutterwerke abhängig sind, länger als 21 Tage bestreikt werden?