Von Joachim Nawrocki

Roland Mecklinger spielte zuletzt die nationale Karte aus, um die beamteten Wettbewerbshüter unter Druck zu setzen. Wenn das Kartellamt seinen Widerstand nicht endlich aufgäbe, so drohte das Vorstandsmitglied von Standard Elektrik Lorenz (SEL), "dann findet die Technologie Glasfaser in Deutschland nicht statt".

Um die Beamten für die Pläne der SEL und vier anderer Konzerne gefügig zu machen, nutzte Mecklinger eine derzeit besonders große Empfindlichkeit hierzulande – er schürte die Angst vor einem technologischen Rückstand gegenüber den Weltkonkurrenten USA und Japan. Denn der Begriff Glasfaser ist so etwas wie ein Codewort für modernste Nachrichtentechnik: Telefongespräche, Fernsehbilder, alle Arten von Dialogen zwischen Computern und Menschen – heute entweder durch Kupferkabel oder durch die Luft übertragen werden in Zukunft durch haarfeine Glasfasern vermittelt. Alle Experten sind sich einig: Keine Industrienation, die es bleiben will, kann es sich leisten, auf die Entwicklung dieser Technik zu verzichten.

Im Klartext hatte der SEL-Vorstand deshalb nicht weniger ab dies angedroht: Wenn das Kartellamt nein sagt, wird Deutschland technologisch Provinz.

Doch auch diese massive Pression ließ die Beamten kalt. In dieser Woche haben SEL und die anderen vier Unternehmen der nachrichtentechnischen Industrie vom Kartellamt die klare Absage bekommen: SEL, Siemens, AEG, Philips und Kabelmetall dürfen nicht gemeinsam Glasfasern produzieren.

Damit ist ein Projekt wohl endgültig gestorben, das eng mit der technologischen Zukunft der Bundesrepublik zusammenhängt und bei dem von Anfang an große Politik im Spiel war: Auf dem Berliner Wirtschaftsgipfel Ende 1982, der sonst nicht viel zur Förderung der Inselstadt brachte, galt die Glasfaserfabrik als das große Renommierprojekt, das mit einem Investitionsvolumen von 113 Millionen Mark zunächst etwa 200 neue Arbeitsplätze schaffen sollte. Die fünf Konzerne gaben damals Bundeskanzler Helmut Kohl ihr Wort.

Postminister Christian Schwarz-Schilling, obwohl eher dem traditionellen Kupferkabel als der modernen und viel leistungsfähigeren Glasfaser zugetan, gab sogar schon Aufträge für die noch nicht existierende Berliner Fabrik: Von 1985 bis 1995, so verpflichtete er sich, würde er jährlich hunterttausend Faserkilometer abnehmen.