Für den Berliner Wirtschaftssenator Elmar Pieroth war und ist dies ein Projekt, wie geschaffen für Berlin. Neue Produkte mit ausgefeilter Technologie sind genau das, was die Staat – die sich als "Mekka der Telekommunikation" sieht – zur Verbesserung ihrer Wirtschaftsstruktur benötigt. Wenn dann noch die zunächst einzige Produktionsstätte eines Produkts, dessen ausbaufähiger Markt gerade erst entsteht, in Berlin errichtet wird, dann ist dies geradezu ein Bonbon für die Berliner Wirtschaftspolitik.

Das Kartellamt aber hielt das Projekt eher für einen sauren Drops, der schwer zu schlucken ist. Von Beginn an machte es Bedenken geltend, forderte von den beteiligten Firmen Auskünfte und ließ erkennen, daß eine solche Gemeinschaftsproduktion der großen Kabelhersteller wohl kaum gebilligt werden würde. "Wir haben ihnen mit Engelszungen eine kleinere Lösung vorgeschlagen", sagt Kurt Marken, der Vorsitzende der zuständigen Beschlußabteilung.

Anstößig erscheint Markert vor allem dies: Alle fünf Firmen, die in Berlin die neue Fabrik gründen wollten, sind, zusammen mit einigen kleineren Unternehmen, Mitglieder des erlaubten Fernmeldekabelkartells. Auf dem Markt für die herkömmlichen Kupferleitungen hat das Kabel-Quintett einen Marktanteil von über 90 Prozent. Die Bundespost ist so ziemlich der einzige Abnehmer. Dem Anbieteroligopol steht ein Nachfragemonopol gegenüber; von einem funktionierenden Markt kann da kaum die Rede sein.

Die Beamten im Kartellamt glauben nun, die Gemeinschaftsproduktion für Glasfasern solle nur das alte Kupferkabel-Kartell auf das neue Produkt ausdehnen. Wenn die fünf Kabelhersteller auch in der Glasfaserproduktion zusammenarbeiten, dann werde zudem die marktbeherrschende Stellung des Kabeloligopols verstärkt.

Als im Kartellamt bekannt wurde, daß die zum Hoechst-Konzern gehörende Wacker Chemitronic mit einer Lizenz des amerikanischen Telephonkonzerns AT & T im bayerischen Burghausen ebenfalls eine Glasfaserproduktion aufbauen will, kam die Befürchtung hinzu, daß diesem Außenseiter durch den Glasfasergiganten der Zugang zum Markt erschwert werden würde. Außerdem werde wohl auch der Technologiewettbewerb durch den Zusammenschluß behindert. "Die wollen nicht forschen, sondern nur gemeinsam produzieren", meint ein Beamter im Kartellamt, "wenn das aber nicht geht, dann wird jeder für sich sein eigenes Produkt weiterentwickeln."

Zudem, so befürchtet man im Kartellamt, "wird die Zusammenarbeit kartellartigen Charakter haben. Ein solches Gemeinschaftsunternehmen funktioniert nur dann, wenn auch Quoten und Preise festgelegt werden". Die Kommission der Europäischen Gemeinschaft in Brüssel hat ebenfalls Bedenken gegen das Projekt angemeldet.

An der Funktionsfähigkeit der Gemeinschaftsproduktion scheinen mittlerweile selbst einige der beteiligten Firmen zu zweifeln. Hieß es noch vor einigen Monaten in Kreisen der Gründungsmitglieder: "Wenn wir die Gesellschaft nicht in kürzester Zeit bekommen, dann machen wir sie nicht, dann kaufen wir die Glasfaser in Japan", so klingen jetzt die Kommentare verhaltener, auch wenn sich die Informanten nur zögernd äußern und nicht beim Wort genommen werden wollen. "Der Teufel steckt im Detail", heißt es heute, "viel Spaß hat keiner an der Sache. Je länger das alles dauert, um so größer werden die Vorbehalte auch bei Beteiligten. Kartelle halten ja auch nur, solange es gar nicht anders geht."