Offenkundig ging es einigen Unternehmen vor allem darum, in der Anfangsphase der Produktion eines gänzlich neuen Produkts, das in Deutschland gegenwärtig nur mit hohen Kosten in einigen Labors hergestellt wird, Kosten zu verteilen und gemeinsam zu testen, welches Verfahren das bessere ist. Siemens hat über die Siemens Corning Glas Ltd. (Siecor) Fertigungslizenzen, Philips hat ein eigenes Verfahren, Kabelmetal kommt über ihre Muttergesellschaft Compagnie Cables de Lyon auch an eine Coming-Lizenz, und AEG werde auch Zugang zur Glasfasertechnik haben, heißt es in der Branche. Nur die SEL tue sich etwas schwer mit Lizenzen; deshalb sei sie auch am meisten an dem Gemeinschaftsprojekt interessiert.

SEL-Vorstand Roland Mecklinger sieht das völlig anders: "Die ganze patentrechtliche Materie ist unheimlich kompliziert – Coming Glas hat Patente, Philips hat Patente, Siemens hat Patente – ehe Sie das alles auseinanderdividieren, ist es am besten zu sagen, jetzt machen wir das mal zusammen."

Die rechtliche Lage sei äußerst "diffus", meint Mecklinger und stellt fest: "Man brauchte etwa fünfzig Patentanwälte, die erst einmal die Weichen stellen. Was ich aber möchte, sind fünfzig Ingenieure, um aus dieser Technologie etwas zu machen. Die Gemeinschaftsfabrik hätte also den Vorteil, daß der ganze Patentstreit erst einmal vergessen werden könnte." Jetzt nach der Absage des Kartellamts geht er wohl erst richtig los.

Ein weiterer Vorteil der Gemeinschaftsproduktion wäre – neben dem berlinpolitischen Aspekt – die Möglichkeit gewesen, sofort nach Produktionsaufnahme in Größenordnungen vorzustoßen, die rentabel und zum Weltmarktpreis angeboten werden können. Werden jedoch die zunächst zu erwartenden Absatzmengen auf fünf Firmen aufgeteilt, dann landen sie bei der Größe ihrer Versuchsproduktionen und sind nicht konkurrenzfähig. Sie würden dann wohl lieber gar nicht produzieren, meint Mecklinger, und der Markt wie die Technologie blieben ausländischen Konkurrenten überlassen. In den USA und Japan, weiß der SEL-Vorstand, seien die Weichen bereits gestellt für Fabriken mit einer Kapazität von 400 000 und 300 000 Faserkilometer pro Jahr.

Zudem, so betont er, sollte das Gemeinschaftsunternehmen nur die Glasfaser herstellen, nicht aber das Endprodukt Fernmeldekabel. Die Glasfaserkabel würde jeder wieder für sich produzieren. Roland Mecklinger: "Aus Fasern Kabel zu machen, bedarf einer hohen technologischen Kompetenz. Das ist sehr schwierig: Die Ummantelung, die Verseilung, das Aufspulen, das ständige Testen, das alles ist eine unwahrscheinliche Technologie, eine ganz komplexe Materie. Vorgesehen war die gemeinsame Faserproduktion, das Kabelknow-how der Firmen wollten wir nie zusammenlegen."

Das Kartellamt beeindruckt das wenig. Daß nur die gemeinsame Produktion anfangs rentabel sei, wird mit einem Hinweis auf Wacker Chemie beantwortet: "Wenn Wacker das alleine kann, dann müssen die Großen nicht gemeinsame Sachen machen."

Das werden sie dann wohl auch nicht tun. Wirtschaftssenator Pieroth will zwar noch alle Anstrengungen unternehmen, um das Projekt in der geplanten oder einer anderen Form in Berlin realisieren zu lassen. In Frage käme etwa eine Erlaubnis des Wirtschaftsministers, der sich bis jetzt jedoch recht verhalten zeigt. Eine solche Erlaubnis ist nach dem Kartellgesetz möglich, sofern ein überragendes Interesse der Allgemeinheit besteht und die gesamtwirtschaftlichen Vorteile die Wettbewerbsbeschränkungen aufwiegen. Das wäre dann der Fall, wenn ohne diese Produktion die Bundesrepublik bei einer neuen Technik hinterherhinken oder gar abgehängt würde.

Aber damit ist trotz Mecklingen Prophezeiungen kaum zu rechnen. Siemens könnte wohl alleine mit Coming produzieren, AT&T mit Wacker oder Philips. Ausländische Konkurrenz wäre auch kaum zu befürchten, weil die Lizenzgeber ihre Patente immer nur für bestimmte Regionen vergeben: so dürften beispielsweise französische Produzenten mit einer Coming-Lizenz nicht in die Bundesrepublik liefern. Glasfaserkabel würden also vermutlich auch ohne das Gemeinschaftsprojekt in der Bundesrepublik hergestellt – nur dann nicht in Berlin.