ARD, Donnerstag, 17. Mai: "Schlag auf Schlag", politische Talkshow mit Claus-Hinrich Casdorff

Um Kostendämpfung im Gesundheitswesen ging es, um leichtfertige Verschreibungen von Arzneimitteln, um Kunstfehler, über die der Mantel der Liebe gedeckt wird, um seltsame Praktiken der Pharmaindustrie (Stichwort: Kongresse und Fortbildungskurse in mondäner Umgebung, Spesen werden bezahlt, die Gnädige Frau ist mit eingeladen), um Werbeschlachten der Pillen-Multis, um hehre Ideologie und klägliche Wirklichkeit, um den Erlösungstod und die Erbschaft des Dritten Reiches. (Auch von träge, den Aussonderungsmodellen der Katastrophen-Medizin, wäre zu reden gewesen: der Ausmusterung von Unheilbaren zu Gunsten der Wiederverwendungsfähigen – sei’s drum, die Themenliste war ohnehin eher zu lang als zu kurz).

Fragen, Probleme, Ärgernisse in Hülle und Fülle: beantwortet, zur Diskussion gestellt und in Zweifel gezogen von einem Mann, dem Vorsitzenden des Marburger Bundes (einer Vereinigung angestellter und beamteter Ärzte), den gewählt zu haben für den Sachverstand der Krankenhaus-Mediziner spricht: einen besseren Sprecher als Dr. Hoppe hätten sie sich gewiß nicht wünschen können. Bewundernswert, wie dieser Mann in Claus-Hinrich Casdorffs Schlag-auf-Schlag-Sendung Souveränität mit Bescheidenheit, Selbstironie mit behutsamem Starrsinn und Noblesse mit konsequenter Verfolgung der Verbandsziele vereinte. .. sehr geschickt und sehr clever.

Gestern, so das Argumentationsmuster der Verteidigungsstrategie, war alles recht schlimm, heute hingegen steht es viel besser; Fehler haben sich ereignet, gravierende, bedauernswerte, skandalöse vielleicht – haben, wohlgemerkt, Perfekt, nicht Präsens! Sollten sie aber dennoch hier und heute passieren, die Fehler, dann durch die Schuld der niedergelassenen Kollegen und nicht durch ein Versehen der Reinen und Feinen von der Spital-Aristokratie. Oh ja, ein wenig Chuzpe, recht viel sogar, war schon dabei, wenn der Vorsitzende mit Charme, Understatement und Hartnäckigkeit die Nützlichkeit jener von Roland Barthes beschriebenen Serumtechnik bewies, die darin besteht, kleine und fremde Fehler mit dem Ziel zuzugeben, die große Malaise eines Gesamtunternehmens zu immunisieren. Eines Unternehmens namens Gesundheitswesen, das manche schwarze Schafe kennt – doch, gottlob, so der intelligente und witzig argumentierende Vorsitzende, auch eine Schar von, nehmt alles in allem, unbescholtenen Damen und Herren, eben den Krankenhausärzten.

So weit, so gut, ein Vivat für den Antifunktionär vom Marburger Bund (der sich nur ein einziges Mal als genuiner Standesideologe erwies: dort, wo er, ein Bilderbuch-Pragmatiker, darauf verwies, daß links vom Marburger Bund nur – na, was wohl? – Ideologen am Werk seien). Ein Lob für alle Diskutanten, aber auch ein Ausdruck großen Befremdens am Schluß. Warum, fragte sich der Betrachter am Bildschirm (auch an Julius Hackethals, des Mit-Debattierers Adresse gerichtet)... warum vergessen Ärzte immer, von sich selbst als Auch-Patienten, Auch-Krebsbedrohten, auch einmal Sterbenden zu reden? Warum nehmen sie sich aus, wenn es um die Frage geht, ob einer Anno ’84 wirklich noch unter grauenvollen Schmerzen verrecken muß oder wie es mit der Möglichkeit der Qualenlinderung in auswegloser Lage steht? Warum wurde an diesem Abend an den Vorsitzenden des Marburger Bundes nicht die entscheidende, die Gretchenfrage gestellt: Du, was würdest du dir wünschen, wenn du in der Lage der von Julius Hackethal betreuten Moribunden wärst?

Was wird aus Prinzipien (aktive Sterbehilft: Nie!), wenn sich die Fronten verkehren und der selbstgewisse Moralist zur geschundenen, auf Gnade angewiesenen Kreatur wird?

Die Frage der Fragen blieb, wie fast immer in Diskussionen mit Medizinern, ungestellt. Ärzte scheinen unsterblich zu sein – oder sie halten sich, wer weiß, ganz insgeheim dafür: nicht zum Vorteil ihrer Patienten. Momos