Von Margrit Gerste

Was hat unser Postminister mit dem Moskauer Hausherrn des "kleinen Kreml" auf der Bonner Viktorshöhe gemeinsam? Beide wollen Stacheldraht, Mauern, Zäune um ihre (im Bau befindlichen) Domizile. Sie wollen sie vor der feindlichen Außenwelt – das ist die rheinische Provinz – schützen. Was wird die sowjetische Botschaft demnächst dem bundesdeutschen Kanzleramt so ähnlich machen? Wehrhafte Stahlstreben, dicht an dicht, über zwei Meter hoch, in den nachterroristischen Wortschatz der Denker und Planer als "Modell Kanzleramtszaun" eingegangen. Nur der große alte Mann ist, gänzlich ungeschützt, mitten auf dem Bürgersteig vor dem Zentrum der Macht ein Kanzler zum Anfassen geblieben, sein Enkel sitzt hinter dem Gitter im "stählernen Raumkäfig".

Ob paranoider Ostblock, ob wehrhafte West-Demokratie, in der architektonischen Manifestation ihrer angreifbaren Macht ähneln sie sich. Die schlimmen Tage des Jahres 1977, als Hanns Martin Schiefer entführt und ermordet wurde, sind längst Geschichte; es gibt auch keinen augenblicklich sichtbaren Anlaß mehr, über Bonn als "Festung", "Heerlager", "Bollwerk" zu berichten, in dem es von bewaffneten Männern, von Schäferhunden, Pferden und Panzerfahrzeugen wimmelt; die "pathetische Militanz" (Spiegel) ist verschwunden, nur an Sitzungstagen kommt sie manchmal noch zum Vorschein.

Doch schon längst nicht mehr springen Männer mit Maschinenpistolen aus den Konvois gepanzerter Ministerautos, Um die Rotphase der Verkehrsampeln zu sichern. Nur hin und wieder und irgendwie unmotiviert rasen schwarze Limousinen und weiße Motorradmäuse durch die kleinen Straßen des Regierungsviertels, und der unbefangene Beobachter fragt sich besorgt, was tut wohl der Aufwand dem Ego der so Beförderten an?

Der Kreis der zu Bewachenden und ihrer Bewacher ist um – nein, das dürfen wir nicht schreiben, bittet das Bundeskriminalamt –, ist also "erheblich" gesunken, das Bild meist friedlich-provinziell. Doch die Mauern und Zäune, der Stacheldraht wollen nicht verschwinden. Was in den Hochzeiten des Terrorismus als "Provisorien" beschworen wurde, ist längst zur ständige Einrichtung geworden und wird selbstverständlich bei Neubauten gleich eingeplant.

"Befriedung" nennt man es, und das Martialische ministerieller Befestigungen kaschieren im Lauf der Jahre gewachsene Buschrosen und allerlei Heckenwerk. Doch Gettos sind sie geblieben, begrünte Gettos. Immer noch liegen die Zutrittsmöglichkeiten zum Parlament und einigen als besonders gefährdet geltenden Ministerien "zwischen denen der Bank von England und einer deutschen Justizvollzugsanstalt", wie ein Abgeordneter 1979 klagte. Und ein anderer meinte hellsichtig, als der amtierende Bundestagspräsident Stücklen auf Drängen des Bundeskriminalamtes das Bundeshaus schußsicher befestigen, seine "Rheinflanke schließen" wollte: "Wenn der Bundestag erstmal eingezäunt ist, dann wird später alles eingezäunt."

Der Besucher, der etwa hochoben im Restaurant des "langen Eugen", wo Abgeordnete untergebracht sind, den schönen Blick über Stadt, Fluß und Gebirge genießen will, stößt auf verschlossene Türen, Panzerglas, Sprechanlage, Wächter. Am Wochenende bleibt der Turm für Ausflügler ganz geschlossen. Auch das sollte nur eine vorläufige Schutzmaßnahme sein, auch sie ist geblieben, bedauert das Presseamt der Stadt Bonn.