Ulrich Greiner: Ein Tagebuch von den Filmfestspielen

Cannes, 11. Mai.

In Cannes findet ein Filmfestival statt, aber man muß die Filme gar nicht ansehen, um zu erleben, worin der Witz von Cannes liegt. Zu sehen gibt es auch sonst genug – da sind die Filme kaum mehr als Sternschnuppen, deren Leuchtspur, die sie am Nachthimmel ziehen, unseren Sehnsüchten weit mehr auf die Sprünge hilft als die öde Erkenntnisses handele sich um Meteoriten, die bei ihrem Sturz in die Atmosphäre verglühen. In Cannes verglühen die Filme sehr rasch, aber um ihren Schweif zu sehen, versammelt sich viel Volk. Die Stühle für die Passanten am Boulevard de la Croisette, die sonst zum Meer hin gewendet sind, wo das Wasser wie üblich gegen den schmalen Sandstrand schwappt, stehen nun verkehrt, und die Leute, die dann sitzen, blicken auf das Carlton-Hotel, dessen Fassade mit Plakatwänden verstellt ist. Das ist also der Boulevard der Stars, die nicht, wie in Hollywood, mit goldenen Sternen auf dem Trottoir verewigt sind, sondern die sich von hoch oben herab den Voyeuren präsentieren: Bo Derek zeigt ihre Schenkel in "Bolero", Valerie Kaprisky ihre Brüste in "La femme publique", Isabelle Adjani ihre roten Lippen in "L’amour Braque".

Im "Palais des Festivals" wurden die Filmfestspiele mit "Fort Saganne" von Alain Corneau eröffnet. Stars: Gérard Depardieu, Catherine Deneuve, Philippe Noiret. Schon eine Stunde vor Ende der Vorstellung stauten sich die Schaugierigen an den Sperrgittern. Vor der taghell erleuchteten Freitreppe, die hinauf in die steinernen Massen des Palais führt, standen rechts und links in akkurat geordneter Staffel Polizeimaschinen, zehn 800 BMW, und bildeten eine Gasse, an deren Ende die Photographen ihr Ballett schon einübten. Später, als ich aus einer der Seitengassen kam, sah es in der Ferne nach Gewitter aus. Es blitzte, und ein schwarzer Schwall von Smokings und Abendkleidern ergoß sich die Treppe herab. Plötzlich verdichtete sich der Strom zu einem Wirbel, Scheinwerferstrahlen kreuzten sich, Blitzlichter machten ein Stakkato, und irgendwo im Getümmel waren irgendwelche Stars. Ich kletterte, wie die meisten, auf ein Absperrgitter empor, sah aber nichts und weiß also nichts zu berichten.

An der Croisette stauten sich nun die frisch gewaschenen Limousinen mit fauchenden Motoren, und der süße Geruch ihrer Gase mischte sich mit dem salzigen des Windes, der vom Meer herüberblies und die Wipfel der Palmen und die bunten Fahnen bewegte. Zwischendurch bahnte sich das Festpublikum einen Weg hinüber ins Carlton-Hotel, dessen Foyer ein drangvolles, erwartungsschwangeres Gewoge war. Zwischen Photographen und nicht geladenen Gästen bildete sich eine bedrohlich enge Gasse, durch die schöne Frauen und schwarze Herren schritten. Auf dem plötzlich entstandenen Laufsteg herrschte Ungerechtigkeit. Manche Frauen wurden auf einmal ins Licht getaucht und von Kameras umdrängt, während andere unbeachtet mit grimmiger Miene hinterdrein kamen. Nebenan im Restaurant blieben die Kellner mit ihren Tabletts über den Köpfen im Gedränge stecken, und im Aquarium an der Seite stolperten zeitlupenhaft die Krebse und Langusten übereinander. Draußen am Strand war es jetzt still, und man hörte das Plätschern des Wassers.

Den Film "Fort Saganne" habe ich nicht gesehen. Von der Vorstellung waren die Journalisten ausgesperrt. Die Presse ist hier in Cannes auf ihr wirkliches Maß reduziert. Das Pressezentrum befindet sich zwar im dritten Stock des Palais des Festivals, von wo aus der Blick über die blaue Bucht geht, schwebt also gewissermaßen über dem Ganzen, das Fundament aber bildet der Filmmarkt, der das riesige Souterrain ausfüllt, wo sich an endlosen Gassen und Plätzen die Produzenten, Agenten und Händler des Filmgeschäfts treffen. Dort geht es um Show und Geschäft, und die Promenaden von Cannes, das Festival-Palais, die Hotels und die Restaurants – sie bilden nur die Bühne, deren Szenerie von hier unten gelenkt und gesteuert wird.