Eine Erzählung zum siebzigsten Geburtstag von George Tabori

Eines schönen Frühlings wohnte ich, mangels besserer Unterkunft, in einem Fünf-Sterne-Seniorenheim am See. Der Ausblick war idyllisch, die Küche französisch, der Service honigsüß. Lächelnde Schwestern trippelten umher und boten Sedativa oder Kardika an. Einmal pro Woche starb jemand, wurde im Morgengrauen hinausgeschmuggelt, und in einer Bar wurde fromm das Leichenbesäufnis begangen. Am ersten Sonntag eines jeden Monats gab es zur Teezeit eine geriatrische Modenschau im Restaurant.

Die Mannequins, keine unter 65, stolzierten graziös umher, während der Conférencier in seinem weißen Dinnerjackett herumtaperte, sein Vertretergewäsch ablieferte und so manchen Sinatra-Song sang. Jeden Abend, wenn ich von der Probe kam, wartete ein alter Mann mit einem steifen Drink auf mich. „Na, mein Junge“, sagte er unweigerlich, „welche saftige Frucht hast du heute Abend vernascht?“ Wir hatten uns eines Morgens im Whirlpool getroffen und Freundschaft geschlossen. Er muß um die 120 gewesen sein, ein herrlicher Raubvogel, gekleidet wie ein Jugendstil-Dandy. Seine Augen waren durchsichtig. Er redete mich immer als „mein Junge“ an. Am Abend, bevor ich abreiste, fragte ich im blubbernden Wasser, ob er mir ein oder zwei Worte sagen könne, um mir den Weg ins Alter zu erheitern, was er tat.

Lieber Lear als Hamlet

„Jetzt, wo ich mit unverschrumpften Lenden ins letzte Alter mich begebe, ist mir nach Quäken und Pfeifen zum Lobe des Alters. Sicher: ein Pfeifen im Dunkeln, aber welches Alter wäre frei von Ängsten vor dem Dunkel. Heutzutage habe ich weniger Ängste ab früher. Das Schlimmste steht noch bevor, aber das ist nichts Neues, nicht seit meinem ersten Lebensjahr, als irgendein Monster mich immer wieder in die Luft warf und schließlich fallen ließ. Seit jenem Tage hat die Totenglocke selten aufgehört zu läuten: Gebimmel von Schrecknissen, Torheiten, Verrat an mir und anderen. Immer stand das Schlimmste noch bevor. Man lernt, drohendes Unheil wie einen alten Freund zu umarmen und so der Sünde der Resignation zu entgehen. Niemals ein öder Tag, wie die Engländer sagen.

Ich war im Leben gefeit, mit Glück gesegnet. Eines Morgens, ab ich die Earl’s Court Road entlangging, blieb ich stehen, um ein loses Schnürband zu binden, was mich vor der V-2 rettete, die inzwischen die Bäckerei getroffen und kein Croissant übriggelassen hatte. Ich hatte schon immer Schuldgefühle, mich dem Zufall zu überlassen. Aber rückblickend finde ich, daß die Improvisation nicht das schlechteste ist für die Kunst und das Leben. Nie habe ich die Dinge geplant, nur auf sie gehofft, und überlebte so eines der schrecklichsten Zeitalter der Menschheit. Statistisch gesehen müßte ich – aus biologischen oder historischen Gründen – längst tot sein, wenn man die Bomben und Bazillen bedenkt, die mich verfehlt haben, von den alltäglichen bourgeoisen Bedrohungen des Leibes und des Lebens abgesehen, wie Frauen, Kritiker, Polizisten, Bananenschalen. Ich habe nie viel für meine Sicherheit getan. Meist nahm ich den letzten Zug aus dem Feuer. Ich besitze nichts außer Schulden und Erinnerungen. Ich esse, trinke, rauche, so viel ich mag, treibe keinen Sport, fliehe Gesundheitsfanatiker mit ihrem säuerlichen Geruch nach Vitaminen, wie ich die Schwiegermutter meines Bruders floh, eine mausgraue Kassandra, die uns Katastrophen prophezeite, wenn wir es wagten, sagen wir mal, das Innere eines frischen Brötchens zu verspeisen.

Die wahren Terroristen sind nicht die Donald Ducks, die ihr Dynamit im Schließfach deponieren und dann heldenhaft in Deckung rennen, sondern besagte Schwiegermütter und andere Feinde des Lebens, maskiert als seine Verfechter. Mir ist es piepegal, ob Salz schlecht für mich ist, Butter, Wem oder die Frauen. Das Leben ist eine unheilbare Krankheit. Alles ist schlecht für einen. Niemand lebt ewig. Freude ist das Nachlassen des Schmerzes. Gibt es ein Leben vor dem Tode, ist die Frage. Da ich mit einem Fuß über dem Grabe schwebe, ist jede späte Freude verbrämt durch Abschiedssüße.