Von Hanno Kühnert

Das ist ja Wahnsinn", sagte Martin Walser in der Festhalle zu Wasserburg am Bodensee. Der Dichter, mit Familie und Freunden zum Empfang der Ehrenbürgerschaft in die Heimat gekommen, musterte die zahlreichen bayerischen Fahnen und Wappen, mit denen die Halle geschmückt war. Die "Wybert-Fahne" nannte er das blau-weiß gerautete Tuch mit leiser Verachtung. Martin Walser ist unzufrieden, sogar ein wenig verärgert, daß sein Geburtsort Wasserburg von München aus regiert wird und das bajuwarische Element so kräftig ins Alemannische eindringt. "Opportunisten" nennt er die München-Beflissenen in jenen 15 Ufer-Kilometern des Bodensees, die den linken Finger einer bayerischen Kralle bilden: Seit Napoleon hält sie sich am Bodensee fest.

Schon 1968 beklagte Walser (in der "Heimatkunde"), daß die Alemannen unfähig waren, einen eigenen Staat zu bilden. Jetzt, zur Ehrung in der Heimat, im Angesicht des Offiziellen, muß er es wieder gewahr werden. Kulturell, sprachlich, staatlich und überhaupt lassen sich die Alemannen die Butter vom Brot nehmen, von den Bajuwaren, von den Schwaben, von den Österreichern, von den Franzosen. In der 3000-Seelen-Gemeinde Wasserburg wenigstens will Martin Walser ein Gegengewicht schaffen: Er schenkt ihr ein langes intimes Alemannengedicht, alemannisch vorgeschwätzt, und der Saal bebt vor Verständnis und Lachen, denn da erkennt sich endlich das Dorf wieder, nachdem der Germanistik-Professor und alte Gönner Walsers, F. W. Wentzlaff-Eggebert, die fünfhundert Zuhörer im Saal mit einer pulvertrockenen Vorlesung über Martin Walsers internationalen Ruhm und über die Werte Ehre, Bürger und Heimat verstört hatte.

Der neue Ehrenbürger hat in Wasserburg so viele Gegner wie unter den Literaturkritikern. Sie fragten, was denn der Martin Walser für Wasserburg getan habe. Kein Buch, kein Stück, keine Novelle über Wasserburg! Dabei strotzt zum Beispiel der Roman seines Mitehrenbürgers Horst Wolfram Geißler "Der liebe Augustin" (1921) von Wasserburg! Der war zu Recht Ehrenbürger! Freudig wetteten die Walser-Verächter, der Saal werde zur Ehrenfeier nicht halbvoll. Sie täuschten sich, und sie haben die Wette verloren.

Martin Walser ist dem Bodensee-Ufer so nah, aber den Wasserburgern doch wohl ziemlich weit entrückt. Diese Spannung mußten sie alle aushalten, der quirlige und managerhafte, soeben wiedergewählte Bürgermeister Stadler, der Gemeinderat (9 CSU, 3 Freie, 2 SPD, 2 Grüne), der Martin Walser 1980 die Ehrenbürger-Würde verweigert hatte, der jüngere Bruder und Gastronom in Wasserburg, Karl Walser, die beiden anderen neuen Ehrenbürger und schließlich Martin Walser selbst, der zu dieser Umarmung der Provinz mit zwiespältigem Herzen kam, aber daraus einen Sieg machte: Dem Intellektuellen Martin Walser gelang es eine Viertelstunde lang, seine geliebten Heimat-Alemannen vergessen zu machen, daß er ihnen in ein fremdes Leben, außerhalb der gewünschten Harmonie, entwischt ist. Ein Heimatbuch, wie sie es sich vorstellen, ist da einfach nicht drin.

Dabei ist es grotesk, daß Wasserburger glauben, ihr entrückter Dichter sei nicht genügend heimattreu. Einen "Weltmeister in Bodensee" hat ihn ein boshafter Rezensent einmal genannt. Läsen die Wasserburger mehr Walser, wußten sie, daß sie in jeder zweiten Zeile leibhaftig und in jeder Zeile seelisch vorkommen. Die Gefühle, Stimmungen, Farben, Lichte und Winde, die Landschaft, die Leute, die Zugereisten (ja, auch die), sie alle wuseln in Walsers Werken, und selbst ein Mann wie Gottlieb Zürn hat den lebensechten Namensvetter Ludwig Zürn in Wasserburg (dessen fünfzehnbändige Orts-Chronik Martin Walser im Augenblick sichtet).

Die Spannung zwischen dem Dichter und seiner Provinz wurde ein wenig peinlich, als Martin Walser in das Echo des "Ratten- und Schmeißfliegen"-Geschimpfes von 1980 geriet. Damals nannte Edmund Stoiber, das Strauß-Zitat bekräftigend, auch Martin Walser als einen der Gemeinten. Schon vorher war Gemeinderat und Zweiter Bürgermeister Karl Walser, der Bruder, aus der CSU mißbilligend ausgetreten. Ein SPD-Gemeinderat schlug vor, den diffamierten großen Sohn zum Ehrenbürger zu machen, aber er fragte weder den großen Sohn vorher, noch nichtöffentlich den Gemeinderat. So bekamen er und Martin Walser von der CSU-Mehrheit eins aufs Haupt. Im März 1980 wurde mit 8:5 Stimmen beschlossen, daß Martin Walser nicht Ehrenbürger von Wasserburg werde. Hämische, fröhliche und wütende Kommentare gab’s in reicher Zahl. Martin Walser machte sich nichts draus, Ehrungen hat er genug.