Von Gerhard Spörl

"Sieh’, daß Du Mensch bleibst. Und das heißt: fest und klar und heiter sein, ja heiter trotz alledem und alledem, denn das Heulen ist Geschäft der Schwäche."

Lollar, im Mai

Karl Kerschgens dachte nicht listig an Holger Börner, als er diese Zeilen zitierte, die Rosa Luxemburg geschrieben hat. Kerschgens liegen Ironie und Sarkasmus gewöhnlich fern. Er ist ein Grüner nach Börners Geschmack: ernsthaft, aufrecht und zuverlässig, nach Stil und Diktion ein Milieu-Grüner, kein bornierter Theoretiker. In vielen Verhandlungsrunden seit der Hessen-Wahl 1983 hat er Börners Vorsatz, von jetzt an zu differenzieren, wohltuend beeinflußt.

Im Grünen-Jargon gehört Kerschgens zu den Reformisten, das heißt, er laßt sich von den realen Machtverhältnissen beeindrucken. Als Grüne und SPD in Hamburg, gleichsam im Pilotverfahren, sich gegenseitig testeten, war vorzugsweise vom großen Ganzen die Rede. In Hessen dagegen sagte Holger Börner, was gehen könnte und was nicht. Die Grünen gaben sich, wenn auch zähneknirschend, damit zufrieden.

Sie konnten sich darauf einlassen, Holger Börner zum Ministerpräsidenten zu wählen und seine Regierung zu tolerieren, weil – List der Vernunft – die Startbahn West, das hessische Symbol für eine irregeleitete Politik, ohnedies nicht mehr zu verhindern war. Freilich rechnen die Grünen es ihrer Sündenschuld zu, daß mit Geldern, die ihre Landtagsfraktion bewilligt, zwei Wasserwerfer angeschafft werden; von ihnen müssen sich vielleicht demnächst unermüdliche Startbahnkämpfer niederspritzen lassen.

Andere Vorhaben, gigantisch und bedrohlich aus der Sicht der Grünen, sind aufgegeben worden: der Atomreaktor Biblis C oder die Wiederaufbereitungsanlage im Nordhessischen. Für ihre eigenen Ziele fanden die Grünen die Formel, sie wollten auf lange Sicht für Umdenken sorgen. Börner behält sich vor, bis zur Jahrhundertwende aus der Atomenergie auszusteigen; er kommt den Grünen in Sachen dezentrale Energieversorgung entgegen. Oft ist es schwer zu sagen, ob der SPD etwas abgetrotzt worden ist, oder ob sie sich manches gern abtrotzen ließ.