Mir wird angst und bange. Der Herr mit dem schlecht gebügeltes Hemdkragen greift ungeniert zu; FAZ, Süddeutsche, Welt, Herald Tribune. Alle umsonst. Ich rechne mir aus, wenn die nächsten dreißig Passagiere ebenso zugreifen, sind die Zeitungen weg, die übrigen sechzig Fluggäste verärgert Es ist 6.25 Uhr, in 15 Minuten ist take-off für die Frühmaschine München-Düsseldorf.

98 verschlafene Fluggäste marschieren an mir vorbei, diverse Düfte von Aftershave bleiben in der Kabine hängen. Eine lange Reihe grauen Flanells mit weißem Hemd und weinrot-gestreifter Krawatte, gelegentlich unterbrochen von blauem Blazer und grauer Hose. Und ab und zu, die Rolex lässig am Handgelenk, das maßgeschneiderte blaue Kostüm, die gutsitzende Frisur, die ihre Trägerin zwang, eine Stunde eher aufzustehen.

In die Monotonie der seriösen Geschäftsleute mischt sich zuweilen ein Paradiesvogel: das männliche Model in rotem Overall mit kleinem Brillanten im Ohr, die Amerikanerin in grellem Make-up mit kunstvoll aufgetürmter, betonierter Haarpracht, der Photograph mit schwerer Ausrüstung in abgewetzten Jeans und auf alt getrimmter Lederjacke, unrasiert und übernächtigt.

Es gibt kein Gerangel um die Fensterplätze, man ist höflich zueinander, die Bürde des frühen Aufstehens verbindet. Die Aktenkoffer, von der Kunststoff-Ausführung bis zum Feinsten, werden unter dem Sitz verstaut, die Morgenzeitung ausgebreitet. Alles Routine, Hauptsache, wir sind pünktlich, der Kaffee heiß, der Orangensaft kalt.

Die engen Mittelplätze bleiben für die zu spät Aufgestandenen übrig. Die kommen jetzt gerade angehetzt, glücklich, die Maschine noch erreicht zu haben. Ein rotgesichtiger Herr hat sich vermutlich beim Rasieren geschnitten, in der Eile kein Pflaster gefunden. Ein abgerissenes Stück Kleenex klebt auf der Wunde am Kinn. Beim Guten-Morgen-Gruß flattern die Enden fröhlich auf und nieder.

Zuletzt steigen die First-class-Passagiere ein, die andersfarbige Bordkarte steckt dezent, aber sichtbar, in der Brusttasche. Ich erkenne sie von weitem am Kaschmirmantel, am Maßanzug. Sie ignorieren den abgegrasten Zeitungswagen, wohl wissend, daß für sie ein gutsortiertes Angebot reserviert wurde.

6.39 Uhr. Pünktlich tollen wir los. Ich mache die Begrüßungsansage, weise auf Sicherheitsinstruktionen, Notausgänge und Nichtraucherzonen hin. Kaum einer hört zu, man kennt sich aus. Ich gehe ins Cockpit. Wir stehen schon auf der Startbahn. "Kabine klar." Der Kapitän hebt den Daumen.