Von Gunter Hofmann

Essen, im Mai

Das letzte Wort haben die Götter. Aber es würde nicht wundern, wenn sie Willy Brandt den Wunsch erfüllten, den er – Heinrich Heine zitierend – geäußert hat: "Laßt ihr Götter mich nicht ein alter Polterer werden, der aus Neid die jüngeren Geister ankläfft oder ein matter Jammermensch, der über die gute alte Zeit beständig flennt."

So hat Brandt sich selbst während der Gratulationscour seiner Partei zum Jubiläum des Parteivorsitzenden, der zwanzig Jahre im Amt ist, ironisiert. Was seine Seelenlage betrifft, liegt der Fall klar. Er ist gelöster denn je. Aber wie geht seine Partei in die kommenden Jahre?

So viel davon auch ungewiß bleibt, einige vorsichtige Prognosen lassen sich nach dem Essener Parteitag der SPD wagen. Denn so undramatisch er sich auch vergleichsweise ausnahm, so unbestreitbar war er doch auch hilfreich – ein Parteitag der stillen Überraschungen.

In die Nach-Schmidt-Ära und die Jahre der Opposition geht die SPD, wenn das Essener Bild nicht trügt, mit Selbstbewußtsein und ohne Depressionen. Das ist gar nicht selbstverständlich, wenn man bedenkt, in was für ein tiefes Loch die CDU 1969 gefallen ist, als sie in die Opposition verwiesen wurde. Weder von Kohls Regierung noch von der CDU oder dem herrschenden Konservativismus geht eine Hochstimmung aus, die die Sozialdemokraten politisch demoralisierte.

Der Verdacht, der sich leicht einstellt, die SPD sei eben die geborene Opposition, wird augenblicklich auf eine erstaunliche Weise konterkariert. Mit keinem Parteitagsbeschluß zu einer der wichtigeren Fragen – Sicherheitspolitik, Medien, Ökonomie – hat sich die SPD ins lamentierende Abseits manövriert. Lust an der Opposition? Mit seiner dezent gehaltenen Warnung vor solchen Neigungen zum Abschied aus dem Amt des stellvertretenden Parteivorsitzenden hat Helmut Schmidt – vielleicht ungeahnt – fast lauter offene Türen eingerannt. Die SPD möchte bald wieder regieren, wenn möglich. Bleibt nur noch die genaue Begründung nachzuliefern: warum?