Von Lew Kopelew

Seit dem 2. Mai befindet sich Andrej Sacharow im unbefristeten Hungerstreik. Er stellt nur eine Forderung: Man soll seine Frau Jelena Bonner ausreisen lassen.

Sie schwebt in Lebensgefahr. Nach zwei schweren Herzinfarkten, die sie im letzten Jahr erlitt, wird sie seit mehreren Monaten von der sowjetischen Presse, in Rundfunk und Fernsehen beschimpft und verleumdet. Man verfolgt sie, weil sie noch die letzte Verbindung zwischen ihrem Mann, der in Gorki unter strengster Bewachung lebt, und der Außenwelt aufrecht erhält. Im April wurde offiziell Anklage gegen sie wegen "Staatsverbrechen" erhoben und ihr verboten, Gorki zu verlassen. Somit ist auch sie der letzten Möglichkeit qualifizierter medizinischer Betreuung beraubt. Daraufhin trat Sacharow in den Hungerstreik. Er schrieb: "Ihr Tod wird auch mein Tod sein."

Warum verfolgt die sowjetische Supermacht dieses Ehepaar so brutal? Wie kommt es, daß eine Großmacht, die nicht nur über Hunderttausende von Polizisten, sondern auch über Zehntausende zentral gelenkter Zeitungen und Zeitschriften, über alle Verlage, Rundfunk- und Fernsehsender, über Heere von Propagandisten und Journalisten unumschränkt verfügt, sich durch diese zwei Menschen gefährdet fühlt, denen man nicht einmal mehr eine Schreibmaschine gelassen hatte, denen jedes beschriebene Blatt entwendet wird?

Weder Andrej Sacharow noch Jelena Bonner haben je etwas Ungesetzliches getan. Sie haben nie zu Gewalttätigkeiten oder gar zu staatsgefährdenden Aktionen aufgerufen. Sie sprachen und schrieben stets offen, stets nur die Wahrheit; sie verlangten allein, daß die Menschenrechte geachtet werden; sie protestierten gegen konkrete Fälle von Ungerechtigkeit und Willkür und plädierten beharrlich für Menschlichkeit.

Sind denn Wahrheit und Menschlichkeit für die sowjetische Staatsmacht so bedrohlich, daß sie sich gezwungen fühlt, der eigenen Verfassung, den Gesetzen und allen internationalen Vereinbarungen – zuletzt dem Helsinki-Abkommen – zum Trotz den Friedensnobelpreisträger, den genialen Wissenschaftler und selbstlosen Menschenfreund Andrej Sacharow und seine kranke Frau einem Foltertod auszusetzen?

Für Sacharows Martyrium sind vor allem die alten Männer im Kreml verantwortlich. Aber auch die westlichen Staatsmänner, Politiker, Wissenschaftler, Unternehmer und ganz besonders die Literaten, Journalisten und überhaupt alle Friedenskämpfer müssen wissen, daß Gleichgültigkeit und "Nicht-Einmischung" – aus welchen Gründen auch immer – eine Mitverantwortung für das Schicksal der Sacharows bedeuten. Sie müßten auch wissen, daß das Schicksal der Sacharows kein Einzelfall ist. Wie in der Sowjetunion werden auch in anderen totalitären und autoritären Staaten – in Osteuropa, Afrika, Latein- und Mittelamerika – Menschen grausam verfolgt, nur weil sie für Gerechtigkeit, für die Freiheit des Wortes und für die Freiheit ihrer religiösen Bekenntnisse eintreten. Der "Fall Sacharow" ist nicht nur deswegen besonders bedeutsam, weil er weltbekannt geworden ist, sondern weil Sacharows gewaltloser Einsatz für die Menschenrechte allen Verfolgten in der Welt gilt. Heute braucht er selbst unmittelbar und dringend Hilfe, um überleben zu können.