ZDF, Dienstag, 29. Mai, 22.05 Uhr: "Die Familie oder Schroffenstein", nach dem Trauerspiel "Familie Schroffenstein von Heinrich von Kleist, ein Film von Hans Neuenfels

Der Regisseur Hans Neuenfels hat Kleists Jugendwerk, das Trauerspiel in fünf Aufzügen "Die Familie Schroffenstein" (1803) nicht als Theaterinszenierung für’s Fernsehen abphotographiert, sondern verwandelt in einen Film – mit Traum-Sequenzen, mit visionären Szenen, mit der für Kleist typischen Gleichzeitigkeit von Zärtlichkeit und Gewalttätigkeit.

Die Veränderung des Original-Titels, so unscheinbar sie mit zwei Silben ("oder") daherkommt, ist schon das ganze Programm. Für die Tagung der Kleist-Gesellschaft im November 1983 in Berlin hat Neuenfels über Kleists erstes Bühnenstück öffentlich nachgedacht: "Für Kleist ist die Familie etwas, das ihm immer verwehrt wurde, und das er begehrt hat wie läufig, und das er beobachtet wie ein gehetztes Wild, das über seinen Jäger berichtet. Gnadenlos, aber auch mitleidig, wenn es sein Keuchen und Fluchen hört, seinen Schweiß riecht, seinen Sturz sieht."

Aus so furchtbarer Intimität entwickelt Neuenfels seinen Film von der ersten Einstellung an: Wir blicken in ein Auge, auf dessen schimmernder Oberfläche sich die erste, gespenstische Szene wie in einem Spiegel reflektiert. Was wir als wilde äußere Handlung sehen, ist immer zugleich "innen": gebrochen durch ein Bewußtsein. Das immer rascher auf sein "Ziel" – den doppelten Kindermord durch zwei Väter – zujagende Drama ist eine Angst-Vision. Der stellen Kleist und Neuenfels ihren Traum von einer besseren Welt entgegen, wie sie in der Familie zuerst erfahren wird. Was Neuenfels 1983 kommentierend festgestellt hat, führt er im Film aus: Kleists "Familie Schroffenstein" wird zum "kühnen ersten Haßgesang auf die herkömmliche Familie", zum "Aufruf, durch eine andere Gesellschaftsstruktur, diesen Immer-Wiederkehr-Zustand aus Eifersucht, Rache, Vergeltung, Vorwurf, Unterdrückung, Neid, Streit, gegenseitigem Verbot und Betrug zu verändern."

Für die Geschichte der beiden verfeindeten Zweige einer verarmten Adels-Familie sucht Neuenfels Symbol-Räume. Das Drama spielt wirklich im Hochgebirge. Die Natur ist abweisend kalt, streng, durch klein menschliche Geschichten nicht zu erschüttern. Natur kann aber auch bieten: den einzigen Ort für die von Menschen nicht gestörte Ordnung, für Ruhe, Frieden, Glück. Alle Szenen in Wohnräumen, in den verwahrlost kahlen Stuben des heruntergekommenen Bergbauernhofs Rossitz oder den in bäuerlichem Biedermeier eingerichteten Zimmern in Warwand, scheinen zu bersten von angestauter Energie, mit der da Vater, Mutter, Kinder, in glückloser Liebe, zusammenhocken. Da hat nur ein blinder Großvater (großartig als Schauspieler: Peter Palitzsch) den "Blick" für die Wirklichkeit. Ähnlich eindringlich: der aus Haß, Bosheit, Neid sich immer mehr verschließende Rache-Vater: Ulrich Wildgruber.

Mit schönen Leitmotiven, szenischen Einfällen und Bild-Motiven (die Ohrfeige; das Küssen der Schuhe; das Lutschen am kleinen Finger – von einem abgehackten kleinen Kindesfinger geht das ganze Mörderspiel aus – bis hin zu den sehr kleistischen Küssen, mit dem einem Widerstrebenden die Hostie in den Mund geschoben oder an Mädchenkleidern gesaugt wird) gliedert Neuenfels seinen Traum nach Kleist, seinen Traum von Kleist.

Die Heftigkeit vieler Szenen, die bei diesem zum Übertreiben neigenden Regisseur bis zum Lächerlichen gehen kann (wenn der junge Verliebte mit offenem Hosentürl durchs Gebirge rennt), mag manchen Betrachter erschrecken. Ich habe in dieser Film-Ballade mehr von Kleists (oft auch ans "Peinliche" gehendem) Überschwang gefunden als etwa in der "Penthesilea"-Inszenierung von Neuenfels für das Berliner Schiller-Theater. Nach der Besichtigung seines Films über die "Penthesilea"-Aufführung und über Genet wird mir der Regisseur Hans Neuenfels wichtiger als er (für mich) in seinen Schauspiel-Inszenierungen war: so wichtig, wie er als Opern-Regisseur ist (zuletzt "Macht des Schicksals" in Berlin). Die visionären Qualitäten dieses eigenwilligen Kopfes sind hier schön zu erkennen.