Von Christoph Bertram

Der Landkrieg am Golf wird zum Seekrieg. Zum ersten Mal hat die iranische Luftwaffe Öltanker der arabischen Golfstaaten angegriffen, als Antwort auf ähnliche Aktionen des Irak. Der Vertreter Chomeinis im iranischen Verteidigungsrat, der Parlamentspräsident Rafsanjani, hat die neue Strategie seines Landes klipp und klar formuliert: "Entweder können alle den Golf ungefährdet befahren oder keiner."

In dem seit September 1980 schwelenden, immer wieder aufflackernden, immer wieder festgefahrenen Konflikt sind bisher dreihunderttausend Menschen gefallen. Irans Kinder-Armeen sind im irakischen Artilleriefeuer zusammenkartätscht worden, und der bedrängte Irak, der den Krieg selbst begann, hat sogar Kampfgase eingesetzt. Dennoch hat sich die Welt nicht aus ihrem Gleichmut aufschrecken lassen. Sie hat sich mit dem langen Abnützungskrieg abgefunden. Die meisten Länder sehen den Aderlaß der beiden kämpfenden Parteien nicht einmal ungern. Für Sowjets wie Amerikaner, für Saudis wie Kuweitis ist ein blutiges Patt angenehmer, als es die Hegemonieansprüche eines eindeutigen Siegers wären.

Sie alle haben das Ihre dazu getan, den Krieg am Schwelen zu halten. Die Sowjetunion liefert Waffen an Bagdad, Frankreich tut desgleichen. Die Golfstaaten finanzieren die Käufe – auf 30 Milliarden Dollar wird ihr Zuschuß für den Irak geschätzt. Zugleich aber stützen Verbündete der Weltmächte auch den Iran: Japan und die Bundesrepublik sind die besten Handelspartner Teherans, zu den Waffenlieferanten gehören Israel und Südkorea, aber auch manches von Moskau abhängige Land.

Der Golf ist heute ohnehin nicht mehr so wichtig für die Ölversorgung der Industrieländer wie noch vor wenigen Jahren – ganze neun Prozent des bundesdeutschen Ölimports stammen aus Golfquellen. Die Versicherungsprämien für Tanker in der Gefahrenzone haben in der vergangenen Woche zwar angezogen. Aber auch wenn die Luftwaffen der beiden Kriegsparteien weiterhin gegen einzelne Schiffe vorgehen sollten, käme damit die Ölausfuhr noch nicht zum Erliegen. "Der Trommelwirbel der Krise", so der Londoner Economist, "könnte verhallen."

Doch die Bequemlichkeit kaschiert tiefe Ungewißheit. Wenn der Krieg im Golf bisher nicht zu einer Weltkrise ausgeufert ist, dann liegt das nicht am Krisenmanagement der Weltmächte, sondern an der Zurückhaltung vermeintlich irrationaler Herrscher in der Region, vor allem des Iran. Vielleicht wird der Irak in der Tat den Tankerkrieg nicht weiter eskalieren, etwa durch einen – längst angedrohten – Angriff auf die iranische Ölverlade-Insel Kharg. Vielleicht wird der Iran nicht mit Schlägen gegen ähnliche Anlagen in Kuweit oder Saudi-Arabien antworten und nicht den verzweifelten Versuch unternehmen, die Straße von Hormuz für den Tankerverkehr zu sperren. Vielleicht können die Weltmächte sich noch lange aus dem Sog des Krieges heraushalten.

Aber verlassen kann sich auf all dies niemand – so wenig sich 1914 irgendjemand darauf verlassen konnte, die Ermordung des österreichischen Thronfolgers werde schon nicht zum Weltkrieg führen. Die Lage, sagte US-Vizepräsident Bush, der in den letzten Tagen den Golfstaat Oman besuchte, sei "sehr, sehr schlimm und sehr, sehr ernst". Aber Gejammer hilft nicht weiter.