Der deutsche Kanzler und der französische Präsident: Vertrauen, aber keine Vertraulichkeit

Ernst Weisenfeld

Alle reden vom Europa der zwei Geschwindigkeiten – wir praktizieren es." So oder ähnlich könnten sich Kohl und Mitterrand beim nächsten deutsch-französischen Regierungstreffen am 28. und 29. Mai in Paris äußern, wenn sie Ergebnisse und Entwürfe ihrer Zusammenarbeit betrachten. Natürlich werden sie aber aus Rücksicht auf die europäischen Partner ihre Schrittmacher-Rolle nicht plakatieren.

Von dem, was ihnen jetzt mehr oder minder unterschriftsreif vorliegt, haben zumindest zwei Projekte einen beispielhaften Rang. Da ist einmal der deutsch-französische Kampfhubschrauber, die Ersatzlösung für den lange umstrittenen gemeinsamen "Panzer der neunziger Jahre" – wenngleich der Hubschrauber nur einen Symbolwert für die heute so gern beschworene militärische und industrielle Zusammenarbeit in Europa hat.

Von anderem Gewicht wird das sein, was deutsche und französische Außenhandels-Experten ausgearbeitet haben, um die Schwierigkeiten aus der Welt zu schaffen, die von den unterschiedlichen technischen Normen in beiden Ländern herrühren und auf welche die Franzosen ihr chronisches Defizit in der Handelsbilanz zum Teil zurückführen. Es läuft darauf hinaus, den gordischen Knoten zu zerschlagen und die Prüfverfahren für Importwaren radikal zu vereinfachen. Das geschieht als Vorgriff auf die Harmonisierung der europäischen Normen, an der in Brüssel die EG-Behörden arbeiten. Die Weisungsbefugnis des Bundeskanzlers hat die bevorstehende Vereinfachung sehr gefördert.

Hier kann man einen der Gründe mit Händen greifen, die zwischen Mitterrand und Kohl so schnell ein Vertrauensverhältnis schufen, daß manchmal schon von einer Komplizenschaft gesprochen wird. Der französische Präsident und der deutsche Bundeskanzler fanden Probleme vor, die sich zwar auf nationaler Ebene stellen, aber auch einen europäischen Zuschnitt haben. Und sie griffen dabei – bewußt oder unbewußt – zu den Methoden, die sich schon in den fünfziger Jahren bewährten, als die Gründerväter der deutsch-französischen Zusammenarbeit den europäischen Rahmen gaben, um beides zu erleichtern: die deutschfranzösische Aussöhnung Und, mit Hilfe ihrer Dynamik, der Aufbau der Europäischen Gemeinschaft.

Kohl und Mitterrand stießen auf gemeinsame Erinnerungen: Kohl hatte einmal mit einer Jugenddelegation einen halben Nachmittag bei Robert Schuman verbracht, der ihn nachhaltig beeindruckt hatte. Und Mitterrand erzählte von seinen Erfahrungen als Mitarbeiter Schumans in der französischen Regierung.