Von Julius H. Schoeps

Müssen wir uns das eigentlich bieten lassen?" "Zieht endlich einen Strich unter die Vergangenheit!" "Langsam reicht es uns!" So und ähnlich kann man immer häufiger Bürger dieses Landes reden hören, wenn in den Medien die Sprache auf das Verhältnis Deutsche und Juden, auf den Nationalsozialismus und den organisierten Judenmord kommt. Dahinter steht der offensichtliche Wunsch, zu vergessen, unbequeme Gedanken zu verdrängen, manchmal aber auch die häufig allzu selbstsicher geäußerte Ansicht, die Jahre 1933 bis 1945 seien ein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte, für das Verantwortung allenfalls die Vätergeneration zu tragen hat. Im übrigen habe man, heißt es, "Wiedergutmachung" ("Es hat uns mehr als genug gekostet", "Wir können uns doch nicht erpressen lassen bis in alle Ewigkeit") gezahlt, mit anderen Worten das Recht, in Ruhe gelassen und nicht mehr an Adolf Hitler und die NS-Zeit erinnert zu werden. Der durch den Anschlag einer Studentin im Januar im Martin-Buber-Institut der Universität Köln tragisch ums Leben gekommene Judaist und Historiker Hermann Greive hat sich in seinem letzten, wenige Wochen vor seinem Tod erschienenen Buch mit den Verdrängungsmechanismen und den dazugehörigen Argumenten beschäftigt und sich um eine Antwort auf die Frage bemüht, was hinter der Judenfeindschaft steckt, warum es in Deutschland so und nicht anders gekommen ist:

Hermann Greive: "Geschichte des modernen Antisemitismus" (Grundzüge, Bd. 53); Wissenschaftl. Buchgesellschaft, Darmstadt 1983; 224 S., 44,– DM (Für Mitglieder 26,– DM.)

Greive ist dabei nicht in den Irrtum mancher Sozialhistoriker verfallen, die den modernen Antisemitismus nur als eine Krisenerscheinung der kapitalistischen Gesellschaft zu deuten bereit sind. Greive bestreitet dies vehement, meint, daß eine solche Interpretation zu kurz greife und dem tatsächlichen Sachverhalt nicht gerecht werde. Für ihn steht fest, daß es sich bei diesem Phänomen um eine "irrationale Feindseligkeit emotionaler und spontaner Art" handelt, um ein tradiertes Vorurteil, das in Krisensituationen verstärkt wird, seine Wurzeln jedoch in der Religion, genauer in der christlich-jüdischen Differenz hat.

Der im 19. Jahrhundert aufkommende moderne Antisemitismus ist in der Tat ohne Berücksichtigung der jahrhundertealten christlichen Judenfeindschaft nicht erklärbar. Wenn in der öffentlichen Meinung damals die Juden den Schmutz, das Tierische, das Böse schlechthin zu verkörpern anfingen, dann handelt es sich dabei um Stereotypen, die auf Aussagen der Kirchenväter zurückgehen, nach denen die Juden die "Christuskreuziger", die "Verworfenen", die "von Gott Verfluchten" sind. Welche Folgen dieser Prozess der Säkularisierung und Vulgarisierung überkommener theologischer Vorstellungen noch haben würde, vermittelt ein Flugblatt der Wiener 48er Revolution, in dem hellsichtig prophezeit wurde, was die Juden in einer ungläubig gewordenen Welt zu erwarten hätten: "Die Christen, die keinen Christusglauben mehr haben, werden die wütendsten Feinde der Juden sein ... Wenn das Christenvolk kein Christentum und kein Geld mehr hat... dann, ihr Juden, laßt Euch Eiserne Schädel machen, mit den Beinernen werdet ihr die Geschichte nicht überleben."

Erst jetzt setzt sich langsam die Erkenntnis durch, daß wesentliche Elemente christlicher Existenzinterpretation in das völkische Denken und in die NS-Ideologie eingegangen sind. Der "Führer" als Heilsbringer, rassentheologische Wahnvorstellungen (Hitler: "Die Sünde wider Blut und Rasse ist die Erbsünde dieser Welt und das Ende einer sich ihr ergebenden Menschheit"), Erlösung und Heilsspekulationen, wie sie sich in der Sehnsucht nach dem Tausendjährigen Reich ausdrückten, beruhen eindeutig auf christlicher Tradition. Greive meint zu Recht, daß es der unterschwellig religiöse Anspruch völkischer Ideen gewesen ist, der Bekenner der beiden christlichen Konfessionen empfänglich für die NS-Ideologie und den rassischen Antisemitismus machte. So zu tun, als ob dies nicht so sei, würde bedeuten, sich einen wesentlichen Zugang zum Verständnis für die Frage zu verstellen, warum weiteste Kreise der deutschen Bevölkerung sich gegen die Republik und für den Nationalsozialismus entschieden haben.

Ein großer Irrtum ist es zu glauben, judenfeindliche Stereotypen würden nur im bürgerlichen Lager vorkommen. Auch unter Sozialisten und Kommunisten gibt es Antisemiten, die aus ihrer Abneigung gegenüber den Juden kein Hehl machen. Im Unterschied zu Hermann Greive, der zwar judenfeindliche Einstellungen konstatiert, diese aber nicht überbewertet wissen will, ist der Jerusalemer Historiker