Normalerweise tut es unauffällig seinen Dienst, als Hort der Liebe wie als Pumpstation. Doch wenn die "Pumpe" plötzlich nicht mehr richtig mitmacht, erschrickt der Mensch zutiefst Unter dem gestörten Rhythmus des Herzschlags leiden viele. Rino Sanders besuchte einen Kongreß der Arrhythmie-Forscher – nicht als Medizinmann, sondern als selbst von Herzrhythmusstörungen geschüttelter Laie.

Von Rino Sanders

Pumpe, sagt man, meine Pumpe! Und wenn man dahin kommt, dieses Organ so mechanistisch zu benennen, dann ist es meistensschon nicht mehr intakt, tut nicht diskret und wartungsfrei seinen lebenslangen Dienst. Herz, mein Herz! Von altersher über die große bis zur Postkarten-Literatur wird es als Hort der Liebe verklärt – es bricht mir schier! –, aber auch als Gefäß der Angst geortet: es schlägt mir bis zum Halse, es fiel ihm in die Hose.

Empfunden wird es als Sitz der Emotionen; doch die machen sich nur über diesen kopfgesteuerten Vierkammerhohlkörper her, und siehe, der reagiert gar nicht – bei allen Gesunden – einfach so biomaschinell konform, sondern oft genug recht individuell. Schlagen, Klopfen, Hämmern, Hüpfen, Pochen – alles Varianten, die ihm wohlanstehen; denn sie geschehen rhythmisch wie das Leben selbst, wie Sonne und Mond, Frau und Pflanze, Tide und Welle.

Kein Wunder, daß jeder tief verstört ist, der unversehens gewahr wird, daß bei ihm dieser grundlegende Gang dahin ist, und statt dessen in sich ein – wie ratloses – Stolpern, Losrennen, Stehenbleiben, Weitertorkeln spürt, tief in der Brust, in der Mitte des Seins.

Ein Fußball rollt in dir eine endlose Kopfsteinstraße hinunter, stößt hier an und dort, rollt gar nicht: springt – und bleibt irgendwann liegen: Sudden death. Oder das stete, genüßliche, wunderbare, bis vor kurzem noch so selbstverständliche Pumpgeräusch – tedum, tedum – kehrt zurück und verdrängt das horrende Unstetigkeitserlebnis. Freilich gibt es Leute, die werden älter und alt mit einer ständigen Arrhythmie, einer Störung ihres Herzschlag-Rhythmus’, die sie gar nicht mehr merken, und vielleicht sind sie intimer vertraut mit dem unsteten All als die so taktfesten Erdentreter.

Aber das ist schon die Ideologie eines Betroffenen, eines unter vielen. Da einer sich jedoch in solchen anfallartig auftretenden – "paroxysmalen"-Attacken total vereinzelt fühlt, obwohl er intellektuell weiß, daß es jene vielen seinesgleichen gibt, deshalb schien ihm – nun, sagen wir’s: mir angebracht, eine längst namhafte einschlägige Veranstaltung zu besuchen: den International Congress on Cardiology, der unter dem Leitmotiv "Die neuen Grenzen’ der Arrhythmien" zum sechsten Mal in einer jener schönen Gegenden stattfand, die nicht nur Ärzte so schätzen, und wo die Weißkittel die sportiven Lustbarkeiten einer Weißen Woche intensiv mit der Annehmlichkeit verbinden können, ihre neuesten Forschungsergebnisse darzubieten und mit kompetenten Kollegen zu diskutieren.