Beinahe wäre es ein ermutigendes Beispiel geworden, daß Politiker und Bürger imstande sind, sich eines Besseren belehren zu lassen. Keiner hat das sympathischer bekannt als der Präsident des Stadtverbandes Saarbrücken, einer Vereinigung von Nachbarstädten, die sich das ehemals barocke, bald zerstörte, dann um- und verbaute Schloß endlich wieder herrichten wollten. Klaus H. Heinemann sagte, er hänge zwar mit dem Herzen immer noch am Barockschloß des Baumeisters Stengel (das wie er einst viele ganz neu errichtet sehen wollten), aber sein Verstand applaudiere nun dem Vorschlag des Kölner Architekten Gottfried Böhm, das Überbleibsel zu restaurieren und mit einem modernen Mittelbau zu ergänzen, also den geschichtlichen Bauprozeß mit einem Zeugnis der Gegenwart fortzusetzen.

Aber war das denn nicht längst klar? Hatte sich der Stadtverbandstag nicht eindeutig dafür entschieden, der Stadtrat die Baugenehmigung erteilt? Hatten nicht, um die immer noch grummelnden Skeptiker zu überzeugen, im Herbst noch einmal die Juroren über dem stetig verfeinerten Entwurf zusammengesessen und ihre Entscheidung bekräftigt? Hatte nicht sogar einer unserer kritischsten Denkmalpfleger dem Stadtverband versichert, er habe das Beste getan, und den Architekten gelobt, sein Neubau sei "auf willkommene Weise ganz neu, ganz anders", seine Ergänzungen "ebenso angemessen wie belebend kreativ"?

Jedoch, auf einmal regte sich eine Bürgerinitiative mit auffallend reaktionärem Aplomb gegen Böhms geistreichen Entwurf. Vielleicht wäre sie mit ihrem schlechten Geschmack zur Kenntnis, aber nicht besonders wichtig genommen worden, wenn sich nicht Politiker davorgespannt hätten, allen voran der FDP-Landesvorsitzende Klumpp, für den sich die ganze zeitgenössische Architektur in dem Begriff "häßlicher Betonklotz" versammelt. Und so desavouierte die populäre Polemik Böhms Entwurf für den neuen Schloß-Mittelbau auch gleich als "Betonklotz" – obwohl der alles andere als eben dies ist und dem Geist des barocken Ahnen näher kommt, als eine blindwütige, auf lückenhaften Vorlagen basierende Rekonstruktion es je vermöchte.

Erschütternd an dieser Kampagne ist nicht der Widerspruch, sondern die dumpfe Gefühligkeit der Argumente und der Verzicht der meisten Nörgler auf Information – wohl aus Angst, womöglich "umgekrempelt" zu werden. Und tatsächlich: der Einladung des Stadtverbandes, sich genauer mit Böhms Risalit bekannt machen zu lassen, folgte nur ein Zehntel der Adressaten, von 130 Leuten, die einmal geladen waren, kam gar nur einer. Aber die meisten der geduldig Informierten hatten sich danach mit der neuen architektonischen Idee versöhnt. Und als der Stadtrat vorige Woche einen CDU-Antrag, dem Stadtverbana den Architekten Böhm auszureden, öffentlich beriet (und ablehnte), geschah das vor leeren Publikumsbänken.

Schlecht unterrichtet, läßt es sich auch trefflich mit ästhetischen Injurien werfen: Stilmonster, Moderngebilde eines Professors, Raketensilo, Fremdkörper, modernistisch, fürchterlich, blamabel und artfremd, ein Undinge ja, eine Kulturschande. Die Indolenz und das Banausentum der Gebildeten, die sich dergestalt in Zeitungs-Umfragen offenbarten, verbindet sich nun nahtlos mit den plumpen Spekulationen einiger konservativer Politiker nicht zuletzt der FDP: am 17. Juni sind Kommunalwahlen im Saarland. Und offensichtlich soll das Schloß dabei helfen, die sozial-liberalen Koalitionen in Stadt und Stadtverband (die Böhms Bau beschlossen) in christlich-liberale wie im Landtag zu verwandeln. So muß man auch den Widerspruch verstehen, den ein CDU-Mitglied kürzlich gegen die Baugenehmigung für den Böhm-Bau eingelegt hat, wohl wissend, daß er abgewiesen, aber den Bau verzögern werde.

Der Schloß-Bauherr Heinemann denkt unterdessen weiter daran, auch die Gestrigen dazu zu bringen, nicht bloß auf ihr Herz zu hören, sondern ihren Kopf zu gebrauchen. Er plant eine Art von Hearing, auf dem die Sachverständigen dann noch einmal alles erklären werden: daß es nicht um ein neu zu bauendes "barockes" Schloß geht, in dem sich so viele spiegeln möchten, sondern um ein Verwaltungsgebäude von Demokraten, die sich der Reste eines Schlosses bedienen, pfleglich und selbstbewußt, und sie der Zeit gemäß ergänzen. Manfred Sack