Karlsruhe: "Spitzweg. Schwind. Schleich"

"Das junge Mädchen empfängt vom Postboten über die Mauer das ersehnte Schriftstück, indes die Alte schläft – helle, zarte Farben, fein gemalte Blumen und andere Einzelheiten, ein paar Flecken des lieben bajuvarischen Blau sitzen heiter darin": eins der ausgestellten Stücke, Carl Spitzwegs bekannter "Liebesbrief" in einer alten Beschreibung Ludwig Justis. So ganz ohne Anmerkung aber kann das Bild von dem gemütlichen Spitzweg (im farbbetupften Schlafrock womöglich) denn doch nicht stehen bleiben. Der idyllische Winkel, die abgeschlossene Kleinwelt, zu der sich der Maler bekannte, ist zugleich das Ziel seiner ironischen Spitzen. Wenn er seine einsiedlerischen Käuze malt, porträtiert er in heiterer Verkleidung seine eigene Stellungs- und Perspektivlosigkeit. Von "Resignation" spricht Jens Christian Jensen. – Eine ausgesprochene Spitzweg-Schau ist die im Rahmen der Karlsruher "Europäischen Kulturtage" unter die Überschrift "Biedermeier und Vormärz" gesetzte Ausstellung nicht. Gerade Spitzweg wird durch die weit auseinander liegenden Bezugspunkte Schwind und Schleich hier aber in seinen Möglichkeiten und Widersprüchen deutlich. Mit Schwind konnte der Maler des "Armen Poeten" sich über weltflüchtige Gedanken verständigen, wenn der ihn in seiner Münchner Klause besuchte. Mit Eduard Schleich dagegen war er in Paris und London, um zeitgemäße Malerei – die Schule von Barbizon und Constable – zu sehen; das Interesse der beiden am Umgang mit der Farbe und für das atmosphärische Ereignis der Landschaft teilte der Freund Schwind nicht. Ritterliches Mittelalter und die untadeligen Mädchen aus dem Märchenland, Kostüme und Kulissen beherrschten seine gegenwartsfeindliche Bildwelt. Bei Schleich fehlt so etwas ganz. Mutig entleert dieser von den dreien am wenigsten bekannte Künstler den Bildraum von bedeutsamen Versatzstücken und pittoresken Motiven. Gelegentlich ist es dann Spitzweg, der ihm unter die langgestreckte Horizontlinie eine Staffage setzt. Und in seinen späten Werken deutet er an, wie nah ihm selbst eine farbbefreite, vor-impressionistische Landschaftsauffassung in der Art Schleichs lag. Um der volkstümliche Erzähler zu bleiben, hat er die Idee freilich zurückgehalten. – Daß Spitzweg Anstöße und Motive auch dem konservativen Schwind verdankte, dafür geben die Ausstellung und der gründlich gearbeitete Katalog einigen Anhalt. Eduard Schleich allerdings läßt sich mit dem Märchenromantiker am Ende nur schwer in einen einleuchtenden Zusammenhang bringen. (Städtische Galerie im Prinz-Max-Palais bis 24. Juni, Katalog 28 Mark)

Volker Bauermeister

Wichtige Ausstellungen

Bonn: "Bernard Schultze – Papierarbeiten 1946 bis 1983" (Rheinisches Landesmuseum bis 28. 5., Katalog 25 Mark)

Essen: "Peru durch die Jahrtausende" (Villa Hügel bis 30. 6., Katalog 32 DM)

Essen: "Der westdeutsche Impuls: 1900-1914; Das Schöne und die Ware" (Museum Folkwang bis 27. 5., Katalog 25 Mark)