Polen: Als Camper kreuz und quer durchs Land – Seite 1

Zugegeben: Eine Campingreise in Polen hat ihre speziellen Unbequemlichkeiten. Doch ist sie die einzige Möglichkeit, kreuz und quer durch Polen zu reisen, für den, der weder Gruppenreisen schätzt noch Individualreisen exakt vorplanen und durch Vorbestellungen absichern will. Ein Leser schildert uns sehe Erfahrungen:

Die Formalitäten (Visum, Zwangsumtausch) erledigt die Organisation Polorbis in Köln. Wer mit Wohnwagen einreist, muß pro Tag und Person 13 Mark eintauschen, ein Betrag, den auszugeben uns schwerfiel. Man gibt irgendein Reiseziel an, kann aber – anders als in der DDR – nach Belieben im Land herumfahren. Die geforderten polizeilichen Anmeldungen erledigen die Campingplatzverwaltungen, und wenn man außerhalb der Campingplätze, bei einem Bauern oder bei Freunden, wohnt, so schert sich niemand viel um die Anmeldung.

Wir hatten, einmal abgesehen von den umständlich-zeitraubenden Prozeduren an der Grenze, nie den Eindruck, von mißtrauischen Behörden überwacht zu werden. Polnische Unlust an Organisatorischem und die Lust, der Obrigkeit eins auszuwischen, dämpft die Effizienz des Polizeistaates.

Wie weit man von den sich bietenden illegalen Möglichkeiten Gebrauch macht, ist eine Frage, die jeder mit seinem Gewissen und seiner Ängstlichkeit abmachen muß. Man ist zwar verpflichtet, Benzin nur gegen Gutscheine zu kaufen (1,50 Mark pro Liter), kann es aber überall wesentlich billiger für D-Mark erstehen.

Überhaupt ist die D-Mark die Zweitwährung des Landes. Allenthalben wird man gefragt, ja oft dringlichst gebeten, im Devisen-Schwarzgeschäft mitzumachen. Mancher soll bei hastigen Tauschaktionen fingerfertigen Betrügern, aufgesessen sein. Auch wenn man nicht schwarz tauschen will, sollte man einen gewissen Geldbetrag in kleinen Scheinen mit sich führen. Ein Fünfmarkschein ist oft sehr hilfreich, verschafft einem etwa, wenn man abends vor einem "besetzten" Campingplatz ankommt, doch noch einen Stellplatz. Vor einer verlockenden Möglichkeit muß allerdings dringend gewarnt werden, nämlich dem Versuch, das, was man mit illegal getauschtem Geld so billig kaufen kann, über die Grenze zu schmuggeln. Polnische Zöllner sind gründlich.

Die Straßen erster und zweiter Ordnung sind gut asphaltiert. Hinweisen auf größere Orte kann man unbedenklich auch über kleine Sträßchen folgen; man fährt dann sehr behaglich durch alte Alleen und malerische Dörfchen. Das Tankstellennetz ist so dicht, daß sich ein Reservekanister erübrigt. Superbenzin hat 94 Oktan; folglich muß, wessen Wagen eigentlich 98 Oktan benötigt, sachte mit dem Gaspedal umgehen, was das Reisetempo merklich herabsetzt.

Campingplätze gibt es zu Hunderten, und man erhält von Polor- bis eine Karte, auf der die meisten verzeichnet sind. Auf den Plätzen der ersten bis dritten Kategorie fanden wir stets Stromanschlüsse und meist warmes Wasser. Die hygienischen Verhältnisse waren auf den Plätzen im Landesinneren passabel Allerdings gibt es, im Verhältnis zur Größe der Plätze, überall zuwenig Toiletten, und wenn im Sommer – an den Seen oder am Meer – die Plätze sehr bevölkert sind, so sind die Folgen unschwer zu denken.

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Ernährungsprobleme gibt es kaum. In den größeren Städten findet man Restaurants, in denen man angenehm gesättigt wird, auch guten trockenen Wein bekommt (und sich freut, ein paar Zloty loszuwerden); in kleineren Orten allerdings kann man sich in Restaurants allenfalls ernähren. Aber der Camper kocht ja selbst. Reichlich und in besserer Qualität als hierzulande bekommt man Gemüse, Kartoffeln, Eier und Obst aus Wald und Garten, ergattert auch mal ein Körbchen Pfifferlinge, ein Hühnchen oder Fische, fangfrisch oder noch warm aus der Räucherkammer.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Diese Waren kann man deshalb allenthalben auf den Märkten kaufen, weil sie für die meisten Polen sehr teuer sind. Ein Kilo Walderdbeeren kostet beispielsweise 180 Zloty, rund fünf Mark (offizieller Kurs). Das ist viel Geld für einen, der täglich nur 300 Zloty oder noch weniger für Essen ausgeben kann. Rind- und Schweinefleisch waren nicht erhältlich, vor den Metzgereien standen lange Schlangen. Man muß also Fleisch in Dosen oder in Folien eingeschweißt mit sich führen. Zucker war 1983 noch rationiert. Man geht am besten davon aus, daß man nicht alles jederzeit kaufen kann.

Selbst in kleineren Städten gibt es Pewex-Läden, in denen man für westliche Währungen "Luxusgüter" erstehen kann. Zu ihrer Mindestausstattung gehören: ein reiches Sortiment an Spirituosen und Tabakwaren, Kosmetika, Waschmittel, Kaffee, Tee und Bier. Jeder Pole kann dort kaufen, auch etwa Fernseher oder Tapeten, wenn er nur über Westgeld verfügt. So erklärt sich der florierende illegale Geldumtausch.

Hans Hannappel