Die Sensation schien perfekt. Einen Tag nach der Wahl zur philippinischen Nationalversammlung deuteten erste Zwischenergebnisse auf einen klaren Sieg der Opposition hin. Doch je länger sich die Auszählung hinschleppte, desto mehr Boden machte die regierende "Bewegung für eine neue Gesellschaft von Präsident Marcos gut. Am Ende lag sie – wie zu erwarten war – vorn.

Die Opposition fühlt sich um den gerechten Sieg gebracht. Tatsächlich spricht alles dafür, daß die Regierung massiv manipulieren ließ: Wahlurnen und Stimmzettel verschwanden, unabhängige Beobachter wurden von Marcos-Anhängern aus den Wahllokalen verjagt Dennoch verlief die Wahl, nach philippinischem Maßstab, friedlich und sauber. Marcos wußte, daß er mit einer allzu dreisten Verfälschung des Wählerwillens beim amerikanischen Verbündeten und bei den ausländischen Gläubigerbanken seinen ohnehin geringen Kredit endgültig verspielt hätte.

Die überraschend hohen Stimmengewinne der Opposition – statt bisher dreizehn wird sie künftig rund siebzig der 200 Abgeordneten im Parlament stellen – sind die Quittung für den wirtschaftlichen Bankrott des Landes unter der Marcos-Diktatur und für die dem Regime angelastete Ermordung des populären Oppositionsführers Benigno Aquino.

Eine Abfuhr erteilten die Wähler aber auch den radikalen Regime-Gegnern, die zum Wahlboykott aufgerufen hatten. Die Mehrheit der Filipinos hofft, noch immer auf einen friedlichen Wandel. Doch wird der Diktator an seiner Herrschaft rütteln lassen? Neunzehn Jahre lang hat sich der Marcos-Clan hemmungslos bereichert; die Günstlinge des Systems werden sich Reformen nach Kräften widersetzen. Die Machtprobe steht auf den Philippinen erst noch bevor. M.N.