Von Carl-Christian Kaiser

Die Leere des Regensonntags macht alles noch viel größer. Abfertigungssteig reiht sich an Abfertigungssteig; ein endloses Schutzdach bildet die Querspange; darüber thront ein gewaltiger Kontrollturm wie der Tower eines Riesenflughafens: DDR, Grenzübergang Zarrentin, an der neuen Autobahn zwischen Hamburg und Berlin. Kaum anders einen Steinwurf davor, in Gudow in der Bundesrepublik. An ihrer Grenze verkehren die Deutschen in großem Stil.

Ein polnischer Lastzug kommt, dann ein Konvoi aus der Sowjetunion. Was mögen die Fahrer denken? Wahrscheinlich haben sie den vergleichsweise bescheidenen Kontrollpunkt in Frankfurt an der Oder hinter sich, an der Grenze zwischen der DDR und Polen, oder den weiter nördlich an der Stettiner Autobahn. Nun aber dieser Kontrollpunkt de luxe, und ähnlich ja auch die Übergänge bis hinunter nach Bayern.

Denken die Fahrer: Was machen die Deutschen da? Solche breite Schleusen an der Scheidelinie zweier entgegengesetzte Welten? Und sehen sie, wie ein Grenzer die zur Stichprobe ausgewählten Koffer höflich zu dem westdeutschen Bus zurückträgt? Daß ein Offizier für die ausgedehnte Wartezeit um Verständnis bittet?

Ein Gesprächspartner in der DDR, lacht über den Gedanken an die Schleusen. Nein, solches Kopfzerbrechen gebe es eigentlich nicht. "Und wenn, dann verweisen wir unsere Freunde auf den vorteilhaften Transit." Davon profitieren ja alle. Aber natürlich, fügt er nach einer Weile hinzu, höre man Fragen, zumal in den letzten Monaten. Eine Messe könne auch zu kräftig gefeiert werden, sagt er, ohne den Massenbesuch westdeutscher Politiker in Leipzig zu erwähnen.

Er spricht von Rude Pravo. Die Philippika des strammen Prager Parteiorgans gegen einen womöglich unabhängigen von außenpolitischem Kurs einzelner sozialistischer Staaten hat Kreise gezogen, nicht anders als die Erinnerung der Prawda an die Breschnjew-Doktrin von der begrenzten Souveränität und ihre jüngsten Ausfälle gegen den "Bonner Revanchismus". "Wir haben auch unsere Probleme", sagt mein Gesprächspartner.

Freilich, der Hinweis auf die tschechoslowakische Warnung schließt ein, daß das Neue Deutschland jene Antwort nachgedruckt hat, mit der sich die Ungarn gegen die Prager Leviten gewehrt haben. In dieser Antwort war von einem (Gesamt-) Europa die Rede, das die Enspannungspolitik hochhalten und weiterführen werde, weil es darauf angewiesen sei; ins Gedächtnis gerufen wurde die Trias de Gaulles von detente, entente und Cooperation als Prinzip für die Ost-West-Beziehungen.