Von Wolfgang Boller

An manchem strahlenden Frühlingstag betreten zwei Silberköpfe mit Genießernasen die Terasse des Hotels "Schloß Reinhardshausen" vor den Toren der schönen Stadt Eltville und begehren eine bestimmte Flasche aus dem Weinkeller der Prinzen von Preußen, eine vom eigenen Jahrgang oder ein bißchen drüber. Die Herrn lassen sich Tisch und Stühle auf die Wiese in den Schatten einer Ulme rücken und ersuchen um verläßliche Ungestörtheit. Dann trinken sie Wein in winzigen Schlucken, schauen einander ins verklärte Antlitz und auf den Rhein, der ihnen zwischen Ufergrün zublinzelt und doch nicht seinen vergifteten Atem herüberbläst. Der Augenblick faßt alle Wonnen des Rheingaus wie in einem Brennspiegel zusammen, läßt in der Rückschau errungene Siege strahlender oder begangene Irrtümer entschuldbarer erscheinen und sprenkelt die Gärten am Rhein mit der Goldfarbe des alten, kühlen Rebenbluts.

Die Herrn trinken Marcobrunner.

Es ist ja wahr: Landläufige Schicksalsschläge lassen sich durch ein paar Gläser Marcobrunner in unbeholfene Liebkosungen verwandeln, und man kann verstehen, daß zwischen Erbach und Hattenheim ein heftiger Streit um den Alleinbesitz der berühmten und kostbaren Weinlage wogte ("So ist es recht, so soll es sein, für Hattenheim das Wasser, für Erbach der Wein"). Schließlich sind die Nachbargemeinden mit den Winzerdörfern Martinsthal und Rauenthal nach Eltville eingemeindet worden, heißen Eltville II bis V, und der Marcobrunner gehört endgültig zum Ortsteil Erbach im Stadtgebiet von Eltville.

Die Gebietsreform hat die Fläche der Kernstadt von zwei auf 47 Quadratkilometer, der Rebenhügel von knapp 200 auf 880 Hektar, die Zahl der Einwohner von 7500 auf rund 16 000, der Gasthäuser von 20 auf 47 und der Straußwirtschaften von sechs auf 23, zugleich aber auch die Lasten und Verantwortungen gemehrt. Den Stadtvätern ist die Freude am Etat (rund 37 Millionen) durch eine unumgängliche Verschuldung von 30 Millionen getrübt. Bürgermeister Hölzer: "In den Stadtteilen mußten Straßen gebaut werden, eine Stadthalle, Kanalisation." Und ein größerer Arbeitgeber und Steuerzahler kam nicht dazu. Das war und bleibt hoffentlich Matheus Müller, Eltville (I).

Dieses Eltville ist ein wunderschönes Städtchen, das sich in seinen Herzkammern seit Hunderten von Jahren kaum verändert hat, vielmehr durch liebevolle Restaurierung eher schöner geworden ist.