Der Herr über Moskaus Außenpolitik

Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im Mai

Seit sich die Alte Welt der Diplomatie bedient, um ihre auswärtigen Angelegenheiten zu regeln, haben russische Außenminister nie aus eigener Machtvollkommenheit Politik gestaltet. Doch nach Andropows Tod im Februar lenkt jetzt zum ersten Mal in der russischen Geschichte ein Außenminister ungehindert die globalen Geschicke der Weltmacht. Andrej Andrejewitsch Gromyko, 75 Jahre alt, 27 Jahre im Amt, hat die Zügel alleine übernommen. Und auf dem Kutschbock scheint der Langzeit-Minister mit der Leichenbittermiene derzeit nur ein Zeil zu kennen: die Entspannung so eilig zu Grabe zu fahren, als sei sie einer im Westen grassierenden Pest erlegen.

Wäre Gromyko stets so kompromißlos gewesen, wie er sich gegenwärtig gibt, gäbe es ihn längst nicht mehr an der Spitze der Sowjetdiplomatie. Dogmatisch im Kern, aber weltmännisch in der Schale, beharrlich bis zum Starrsinn, aber biegsam in scharfen Kurven, hat der weißrussische Karrierediplomat alle Stationen sowjetischer Außenpolitik gemeistert. Der weite Weg voller Wir drigkeiten hat ihn geprägt, aber nicht geläutert; Stalin und Molotow diente er als Erfüllungsgehilfe. Für Chruschtschow und Adschubei, die ihn als Außenminster einsetzten, war er ein loyaler Weisungsbeauftragter. Unter Breschnjew begann Gromyko als pedantischer Federfuchser des in Entspannungs-Visionen schwelgenden Parteichefs, bis er am Ende dem orientierungslos gewordenen Greis die Feder mit hartem Strich selbst führte. Mit Breschnjews Nachfolger zog er gleich: Gromyko wurde zum starren, unnachgiebigen Widersacher Andropows, der ohne Visionen, aber mit professioneller Vernunft auf Rüstungskontrollen drängte. Dem Nachfolger und Gegenspieler Andropows schließlich, Konstantin Tschernjenko, der nur die Innenwelt des Apparats kennt, hat Gromyko nun vollends die Geschäfte mit der Außenwelt aus der Hand genommen.

Konsequent fällt er seinem neuen Staats- und Parteichef ins Wort, wenn der Themen oder Töne anschlägt, die dem Interesse Gromykos zuwiderlaufen – Hans-Dietrich Genscher bekam das in der vergangenen Woche im Kreml mehrfach vorexerziert. Demonstrativ überbringen sowjetische Politbüromitglieder (Ustinow in Indien, Alijew in Syrien) seit Tschernjenkos Machtantritt nicht nur die Grüße des Generalsekretärs und des Regierungschefs, sondern auch die des Außenminsters. Eine solche Freiheit konnten sich die fünf Vorgänger Gromykos nie herausnehmen – weder Tschitscherin und Litwinow, noch Wyschinskij, Molotow oder Schepilow. Folgerichtig auch empfängt der mächtigste Außenminister der Welt jetzt seine Gäste – wie jüngst den italienischen Kollegen Andreotti und nach ihm Genscher – nicht mehr in seinem Amtssitz, einen Zuckerbäckerbau aus Stalins Zeiten am Smolensker Platz. Er bittet in den Katharinensaal des Kreml, wo einst die Zaren repräsentierten und später Chruschtschow, je nach Laune, westliche Diplomaten und Gäste notierte oder brüskierte. Der sowjetische Außenminster tut derzeit beides zugleich.

Tschernjenko folgt Gromykos Kurs, weil er gleichzeitig Energie und Entschlossenheit demonstrieren will und sich um diplomatische Hoffähigkeit und staatsmännische Weihen bemüht. Gromyko hat seine derbe Boykott-Strategie mit einer großen Gäste-Galerie und milden Damentees in Zarengemächern flankiert. Finnlands Präsident Koivisto eröffnete den Reigen. König Juan Carlos kam zum ersten Staatsbesuch seit dem spanischen Bürgerkrieg. Nordkoreas Kim II Sung kehrte nach zwanzig Jahren wieder. In der ersten Juni-Hälfte erscheint der widerborstige Rumäne Ceausescu, einziger Boykotteur des sowjetischen Olympia-Boykotts. Wenige Tage später treten alle Ostblock-Führer zum ersten Wirtschaftsgipfel seit 13 Jahren an. Als Krönung hat der Kreml für den 20. Juni die Visite Mitterrands eingeplant, die jetzt freilich durch Moskaus barbarischen Umgang mit dem Ehepaar Sacharow gefährdet ist.