Freiburg

Albrecht Migule wohnt dort, wo die Welt noch in Ordnung zu sein scheint. Eingebettet in die Wiesen und Wälder des malerischen Welchentals am Rande Freiburgs liegt Migules kleines Anwesen. Von hier aus steuert der Freiburger Ingenieur in aller Stille seine Exportgeschäfte. Mal ist es ein einzelner Generator, den er nach Afrika verschiffen läßt, mal bringt er eine ganze Margarine-Fabrik auf den Weg nach Pakistan. Über ein paar Millionen Mark Umsatz im Jahr, sagt der drahtige Mitt-Sechziger, komme er mit seinem kleinen Ingenieurbüro nicht hinaus.

Seit drei Jahren freilich ist die Idylle des Geschäfts empfindlich gestört. Ein Bericht in der Illustrierten Stern hatte im Juli 1981 Migule schwer belastet. Ihm wurde vorgeworfen, “dafür gesorgt zu haben, daß Pakistan zur Atommacht aufsteigt“ – durch die Lieferung einer Anlage zur Produktion von Uranhexafluorid, dem Ausgangsstoff zur Anreicherung von “bombenfähigem“ Uran 235.

Zur gleichen Zeit begann sich die Freiburger Staatsanwaltschaft für die Pakistan-Exporte der “CES Kalthof GmbH“ zu interessieren. Sie leitete ein Ermittlungsverfahren ein. Der Grund: Verdacht auf ein Vergehen gegen das Außenwirtschaftsgesetz. Zweieinhalb Jahre zogen sich die Recherchen hin; Gutachten wurden eingeholt, Zeugen vernommen. Inzwischen ist vor dem Freiburger Amtsgericht Anklage erhoben und – bereits im Dezember vergangenen Jahres – das Hauptverfahren eröffnet worden.

Migule, der nach eigener Einschätzung „von Atomphysik gar keine Ahnung und eine Kernwaffe höchstens im James-Bond-Film gesehen“ haben will, erwartet nun im Sommer der Prozeß. Denn die Freiburger Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, daß Albrecht Migule tatsächlich das pakistanische Atom-Shopping in der Bundesrepublik organisiert hat. „Nach Verträgen aus den Jahren 1976 und 1977 hat die ‚CES Kalthof GmbH‘ Industrieanlagen im Wert von 15 Millionen Mark nach Pakistan geliefert, ohne dafür beim Bundesamt für gewerbliche Wirtschaft in Eschborn die notwendige Ausfuhrgenehmigung einzuholen“, erklärt der leitende Oberstaatsanwalt Heinz Jordan dazu. „Nach den bisherigen Erkenntnissen war die Anlage geeignet, auch die Produktion von Kernwaffen zu ermöglichen“.

Bei 150 Unterlieferanten – von Mannesmann die Röhren, von Siemens die Kabel – soll Migule die Einzelteile eingekauft haben. Der deutsche Zoll, berichtet der ermittelnde Staatsanwalt Wolfgang Maier, reservierte eigens eine Lagerhalle für die einlaufenden Lieferungen. Die Freiburger Spedition Schenker habe dann das brisante Material – ordnungsgemäß verzollt – auf dem Landweg nach Pakistan befördert. Adressat: die „Arshad, Amjad, und Arbid Ltd.“, Karatschi.

Die Kunde von der wohlfeilen Nuklear-Technologie „Made in Germany“ sprach sich herum. Als die Liaison des unauffälligen Schwarzwälder Ingenieurbüros mit den Pakistanis bei den Entwicklungsländern ruchbar wurde, wollten einige Staaten durch Mittelsmänner gleich komplette Urananreicherungsanlagen in Freiburg bestellen. „Ich konnte denen kaum klarmachen, daß ich das gar nicht kann“, erzählt Migule lachend. Den „humoristischen Teil der Geschichte“ nennt der 63jährige Verfahrensingenieur diese Anfragen.