Die Türkei zwischen Moderne und islamischer Rückbesinnung

Von Nina Grunenberg

Ankara, im Mai

Im „Konak“, einem gepflegten, kleinen Stadthotel im alten Teil Istanbuls, wenige Schritte von der Blauen Moschee entfernt, werden ahnungslose Gäste im Morgengrauen von einem Geräusch aus dem Schlaf gerissen, das ihnen das Blut in den Adern stocken läßt. Es sind wilde, rauhe, archaische Schreie, die über die Jahrhunderte hinweg aus der Tiefe der asiatischen Steppe herüber zu schallen scheinen und den Frieden des Komfort-Hotels mit einem Schlag zerstören. In europäischen Ohren klingt es wie das Geheul eines Wolfsrudels, kurz bevor es Beute macht. Doch es sind Laute aus menschlichen Kehlen: der Morgengesang der türkischen Häftlinge im Gefängnis nebenan.

Die Aussicht aus dem hochgelegenen Hotelfenster erlaubt einen Blick über die Mauer auf das Gefängnisgelände, über das die Häftlinge in Anstaltskleidung kolonnenweise getrieben werden, mal im Marsch, mal im Laufschritt. Sie müssen exerzieren, als wären sie Rekruten, werfen sich zu Boden, springen auf, laufen weiter, ohne ihren Kampfgesang zu unterbrechen. Dieser Drill ist in den Militärgefängnissen des Landes üblich.

Ein türkischer Freund, der von dem Erlebnis hört, meint beschwichtigend, in dem Gefängnis säßen doch nur kleine Diebe und Verbrecher. Aber was heißt schon „nur“? Anders als in früheren Jahren, als der Freund bereitwillig auf alle offenen Fragen einging und „kulturelle Mißverständnisse“ ihn zur Aufklärung animierten, ist ihm diesmal anzumerken, daß er das Gespräch über dieses Thema nicht fortzusetzen wünscht. Gefängnis und Folter sind offiziell tabu.

Die Türkei hat sich verändert. Der Wandel erklärt sich nicht nur aus der Herrschaft der Generale. Drei Machtergreifungen (1960, 1970, 1981) haben ausgereicht, um ihrem Wirken im öffentlichen Leben den Anschein des Normalen zu geben. Für die Mehrheit der Türken gilt noch immer der Satz, daß sie in den Jahren des unerklärten Bürgerkrieges vor 1981 Schlimmeres erlebt haben. Doch treten die Militärs inzwischen deutlich als Teilhaber der Republik auf, nicht mehr nur als ihre von Atatürk, dem Staatsgründer, berufenen Wächter. Die Anmaßung der Generale fordert ihren Preis, und gezahlt wird vom Konto ihrer Glaubwürdigkeit. Hinter vorgehaltener Hand wird erzählt, daß hohe Offiziere ihren Dienstwagen neuerdings dazu benutzen, um die Kinder zur Schule und die Gattin zum Kaffeeklatsch chauffieren zu lassen. Vor einem Jahr wäre das noch undenkbar gewesen. An solchen Kleinigkeiten läßt sich erkennen, daß die Militärs nicht mehr die Tugendapostel sind, als die sie antraten.