Musiker verlieren ihre Übungsräume

Frankfurt a. M.

Über die Vorzüge eines Bunkers braucht Corni, Student in Frankfurt, nicht lange nachzudenken: „So ein Bunker schont die Ohren der Nachbarn, in ihn kann man Tag und Nacht rein, er ist diebstahlsicher und billig.“ Conti und seine Freunde von der Musikgruppe EDV (Ende der Vernunft) proben in einem der vierzig Frankfurter Hochbunker. Die billigen Übungsräume hinter den dicken Mauern sind begehrt. Jetzt werden sie knapp: In Frankfurt droht vielen Nachwuchsmusikern der Rausschmiß, weil die Betonklötze aus dem Zweiten Weltkrieg für den Atomkrieg nachgerüstet werden.

1,5 Millionen Mark läßt sich der Bund die „Nutzbarmachung“ pro Bunker kosten. Der soll im künftigen „Ernstfall“ nicht nur wie bisher vor Trümmern und Splittern Schutz bieten, sondern auch vor Radioaktivität und Giftgasen. Doch wer immer einen solchen Angriff überleben sollte, nach einigen Stunden muß er hinaus in die verseuchte Umwelt, weil auch die verbesserten Bunker nur einen kurzen Aufenthalt erlauben. Ein eigener Brunnen und eine unabhängige Stromversorgung fehlen. Darüber verfügen nur vier Mehrzweckanlagen (heute Garage, morgen Bunker) und einige wenige hergerichtete Betonburgen, in denen mehrere tausend Menschen zusammengepfercht auf das Ende der Lebensmittelvorräte warten können: rund drei Wochen lang.

„Schwachsinn“ nennen die Musikgruppen das „Nutzbarmachungsprogramm“. Sie stören sich dabei mehr an den Folgen als an der Ursache ihrer Vertreibung. Aber der Verdruß einzelner läßt sich nicht bünaein zu organisiertem Protest; die miteinander konkurrierenden Gruppen verfolgen ihre eigenen Interessen. Corni: „Mit uns mußten noch zwölf andere Ende letzten Jahres den Bunker verlassen, dazu kamen noch die aus dem Hausener Bunker. Es war eine richtige Schwemme. Da hat dann jeder für sich nach neuen Übungsräumen gesucht.“

„Ende der Vernunft“ sah nach Fabrikbesichtigungen, erfolglosem Studium gewerblicher Anzeigen, zahllosen Telephongesprächen und jeder Menge Ärger das Ende der Fahnenstange: „Auch wir gerieten in eine Krise, aber als Halbprofessionelle haben wir mehr Durchhaltevermögen als eine neue Band. Die kann nach dem Rausschmiß grad wieder aufhören.“

Die sechs Musiker, die sich in Bunkern kennenlernten und seit drei Jahren zusammen spielen, blieben beharrlich. Sie sprachen beim Bundesvermögensamt vor und kamen wieder in einem Bunker unter. Den Raum richteten sie in wochenlanger Arbeit her; sie steckten eine Menge Geld hinein. „Hier können wir auf Dauer bleiben“, meint die Gruppe, „dieser Bunker hat nämlich einen Riß und ist unbrauchbar.“