Gute Ernten und sinkender Konsum setzen die Preise für italienischen Wein unter Druck

Seit dem vergangenen Jahr hat sich die europäische Landschaft stark verändert: Vom Butterberg herab schweift das Auge nun über einen riesigen Weinsee hin. Seine Tiefe ist bis jetzt noch nicht ganz ausgelotet worden. Immerhin weiß man jedoch, daß im laufenden Jahr in der Europäischen Gemeinschaft (EG) bereits Verträge mit den Weinbrennereien über die Ablieferung von 35 Millionen Hektoliter zu Subventionspreisen abgeschlossen wurden. Die Destillerien würden damit ein Fünftel der EG-Weinproduktion in Sprit umwandeln, wobei die Brüsseler Gemeinschaftskasse ab ersten September etwas mehr als fünf Mark je Alkoholgrad pro Hektoliter Wein garantiert.

Kein Wunder, daß selbst guter Tafelwein derzeit in Italien, dem größten Weinland der Welt, weniger als ein Liter Benzin kosten kann – wobei freilich zu sagen ist, daß der Benzinpreis in diesem Land bei zwei Mark liegt. Massenweine werden hektoliterweise zu 80 bis 90 Mark verschleudert. Schon überlegen fanatische Energiesparer, ob man nicht Kraftstoff aus den Reben, ziehen sollte.

Die europäische Weinschwemme hat zwei Ursachen: Einmal geht der Konsum dieses traditionsreichen Getränks gerade in den Haupterzeugerländern immer mehr zurück, zum anderen steigt die Produktion. Obgleich die Welt-Weinfläche in den letzten zwanzig Jahren mit etwas über zehn Millionen Hektar gleichgeblieben ist, stieg die Produktion um fast die Hälfte auf 350 bis 370 Millionen Hektoliter. Jeder fünfte Liter Wein kommt aus Italien. Ließ der Durchschnitts-Italiener noch 1970 nicht weniger als 111 Liter Vino durch seine Kehle rinnen, so waren es im vergangenen Jahr nur noch 82 Liter. Und im laufenden Jahr wird der Durchschnittskonsum – wenn’s hoch kommt – auf 80 gehen. Bei den Franzosen als zweitgrößten Produzenten der Welt geht der Konsum ebenfalls zurück, wenn auch etwas langsamer. Was nützte es da, wenn die deutschen Zecher 1983 mehr Wein tranken als zuvor? Sie kamen dabei doch nur von 24,8 auf 26,5 Liter. Zum Leidwesen der Italiener und Franzosen tranken sie dabei fast ein Viertel mehr deutschen Wein, da dieser dank einer Rekordernte an Rhein und Mosel von Monat zu Monat billiger wurde. Die Einfuhr ausländischer Weine ging dagegen erstmals seit vielen Jahren von 9,7 auf 9,1 Millionen Hektoliter zurück.

„Es ist heute leicht, einen ordentlichen Wein zu machen, aber schwer, ihn zu verkaufen“, seufzen italienische Winzer. Vom 1983er lagern in ihren Kellern 77 Millionen Hektoliter, das Zehnfache einer normalen deutschen Jahresproduktion. Diese Menge hat einen Wert von fünf Milliarden Mark – ein Zehntel der gesamten italienischen Agrarproduktion. Da aus guten Vorjahresernten noch viel in den Kellern heranreift, weiß man nicht, wohin mit dem Segen, für den immer größere Tanks und Fässer kaum noch reichen. „Wirklich schlechte Jahrgänge“, so verraten die mit allen Finessen der Kellerwirtschaft vertrauten Manager der Weinwirtschaft, „gibt es in den vom Klima begünstigten Anbaugebieten ohnehin nicht mehr.“

Bis 1983 hofften die Italiener, daß sie ihren Überschuß ins Ausland verkaufen konnten. Tatsächlich hatten sie in den letzten zehn Jahren ihre Weinausfuhr auf 19,4 Millionen Hektoliter verdoppelt. Das vergangene Jahr brachte einen verheerenden Rückschlag: Die Exportmenge ging um 30 Prozent auf 13,4 Millionen Hektoliter zurück. Nicht nur die Bundesrepublik als bester Kunde und Frankreich nahmen weniger ab; auch die USA, auf die man in Rom große Hoffnungen gesetzt hatte, bezogen weniger Massenwein aus Italien. Da die italienische Landwirtschaft besonders aggressiv gegen den Import von nicht einmal hunderttausend Hektolitern hochwertigem amerikanischen Wein in die EG politisiert hat, fürchtet man jetzt eine Retourkutsche aus Washington,

Geht man die Ausfuhrlisten durch, dann fällt sofort auf, daß der Export von Massenwein in Tankwagen mit einem Rückgang um 41 Prozent am stärksten gedrosselt wurde. Am wenigsten gefragt ist derzeit der offene Rotwein, während für leichten, aber trockenen Weißwein noch Absatzchancen bestehen.