Von Marion Gräfin Dönhoff

In den ersten fünf Monaten dieses Jahres hat dieRegierung in Südafrika zur Eingrenzung des Rassenproblems mehr getan als in den vorangegangen 20 Jahren. Selbst die viel gerühmte neue Verfassung, die im vorigen Jahr Indern und Mischlingen – nicht aber der schwarzen Majorität – ein begrenztes Mitspracherecht einräumte, hat ja mehr die Zementierung der weißen Herschaft zum Ziel als weitere Reformen. Etwas hat sie allerdings bewirkt: Sie hat das Schreckgespenst einer Parteispaltung gebannt, das dem Ministerpräsidenten seit Jahren Alpträume verursachte und ihn angeblich an ernsthaften Reformen hinderte. Zwar traten 17 verärgerte Mitglieder seiner Partei aus und gründeten eine eigene, extrem rechte Partei – aber eben nur 17. Heute ist Botha stärker als je zuvor.

Dies und der Fortschritt der letzten Monate in den Beziehungen zu den schwarzen Nachbarstaaten ist wohl auch der Anlaß dafür, daß Ministerpräsident Pieter Willem Botha aus seiner Isolierung herausstrebt, und gewiß ist darum Bundeskanzler Kohl auch sehr bereit, ihn zu empfangen.

Es ging Schlag auf Schlag: Im Februar fanden die ersten Verhandlungen zwischen Südafrika und Angola in Lusaka statt – im Beisein von Chester Crocker, dem Leiter der Afrika-Abteilung des State Departments, der sich große Verdienste in dieser Sache erworben hat. Im März kam aus Kuba die Nachricht, Fidel Castro und der Staatschef von Angola hätten Einzelheiten für den Abzug der rund 25 000 kubanischen Soldaten aus Angola besprochen. Gleichzeitig erklärten die Südafrikaner sich bereit, ihre Truppen, mit denen sie 200 Kilometer weit nach Angola vorgestoßen waren, um dort SWAPO-Guerillas und deren Einrichtungen zu vernichten, aus dem Nachbarland zurückzuziehen – was inzwischen auch geschehen ist.

Im April bot sich der erstaunten Welt dann ein Schauspiel, das niemand für möglich gehalten hätte: Der weiße Ministerpräsident Südafrikas und der schwarze Präsident Mozambiques schritten unter den Klängen ihrer Nationalhymnen gemeinsam die Ehrenformation ihrer Streitkräfte ab, nachdem sie zuvor einen Nichtangriffspakt unterzeichnet. hatten, der einer langen, erbitterten Gegnerschaft ein Ende setzte. Im Mai schließlich saßen sich am Verhandlungstisch in Lusaka Weiße und Schwarze gegenüber, die einander ewige Feindschaft geschworen und sich jahrelang mit blutigem Terror und Gegenterror bekämpft hatten: die Führer der SWAPO, Vertreter Namibias und Südafrikas.

Und noch ein Fortschritt, der nicht weniger erstaunlich ist: Im Februar wurde erstmalig ein weißer Polizist, der den Tod eines Schwarzen verursacht hatte, in Südafrika zur Rechenschaft gezogen und zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt. Mehrere andere sind seither wegen Folterungen schwarzer Gefangener ebenfalls zu Freiheitsstrafen verurteilt worden. Man möchte hoffen, daß damit nun endlich das Foltern in den Haftanstalten ein Ende findet. Seit 1963 sind 53 Gefangene auf mysteriöse Weise umgekommen.

Noch immer können nach südafrikanischem Recht politisch Verdächtige für unbegrenzte Zeit inhaftiert werden, noch immer werden Mißliebige ohne Verfahren für viele Jahre „gebannt“, also ihrer freien Selbstbestimmung beraubt – wie der frühere Chef des verbotenen Christian Institute in Johannesburg, Beyers Naudé. Immer werden auch noch Nacht-una-Nebel-Aktionen durchgeführt gegen schwarze Siedler, die im weißen Gebiet dürftige Unterkünfte aus Blech und Plastik errichtet haben – Aktionen, die stets damit enden, daß Bulldozer in wenigen Stunden diese armseligen Unterkünfte beseitigen; die nunmehr Heimatlosen werden dann auf Lastwagen in die Homelands – die ihnen vorgeschriebenen Wohngebiete – verfrachtet, von wo aus sie tags darauf wieder den Rückweg antreten, weil sie im Homeland verhungern würden.