Von Rolf Zundel

Bonn, im Mai

Was ist nun das wahre Bild der Bonner Politik? Bei der Wahl Richard von Weizsäckers zum Bundespräsidenten zeigte die Republik ihr freundliches Gesicht; die nur zu oft zur Denunziation gebrauchte Formel von der Gemeinsamkeit der Demokraten wurde anschaulich, annehmbar. Bei der Debatte über die gescheiterte Amnestie dagegen zeigte das Parlament sein häßliches Gesicht, fast ist man versucht zu sagen: seine Fratze – eine unerträgliche Mischung aus Kumpanei und Diffamierung. In der Aktuellen Stunde über den Streik schließlich wurde ein Machtkampf sichtbar, der die Republik in zwei Lager spaltet: Regierungsparteien und Arbeitgeber in einer Front, die SPD mit den Gewerkschaften Schulter an Schulter. Widersprüchliche Bilder, aber dieselbe Republik.

Da war wieder einmal der fast schon rührende und auf beinahe sympathische Weise mißlungene Versuch, in Bonn Staat zu machen: die Beethovenhalle, Tagungsort der Präsidentenwahl, ausstaffiert wie der etwas zu groß geratene Festsaal des Gesangvereins Concordia, mit eigenen Einsprengseln bemühter Würde und Amtlichkeit; das feierliche Pathos des Bundestagspräsidenten Barzel, angestrengte Imitation römischen Staatsschauspiels in der rheinischen Provinz. In die Stimmung paßten viel besser die langen Schlangen vor den Postschaltern, wo Sonderbriefmarken zu Tausenden abgestempelt wurden, die freundlichen Gespräche in den Wandelhallen, die höfliche, ja herzliche Begegnung mit Luise Rinser, der Kandidatin der Grünen; auch Christdemokraten, Richard von Weizsäcker an der Spitze, übten Courtoisie.

Es herrschte Ferienstimmung, die Parteigrenzen waren nicht so wichtig. Da fiel die Bemerkung eines SPD-Abgeordneten, letzten Endes käme es in der Politik nicht so sehr auf die Programme an, sondern auf die Personen; da bekannte ein anderer Sozialdemokrat, er habe Richard von Weizsäcker gerne gewählt. Und dann der Empfang nachher im Bundeshaus mit einem gewaltigen Kalten Büffet, mit viel Kaffee und Kuchen, mit Glück- und Segenswünschen für den neugewählten Präsidenten – ein Familienbild ohne steifen Prunk, Illustration des fröhlichen Untergangs Hegelscher Staatsphilosophie im Gutbürgerlichen und, um ein Wort Barzels zu verwenden, wenn auch ohne dessen Pathos, eigentlich „liebenswert“.

Bei der Präsidentenwahl entstand fast so etwas wie eine Große Koalition. Die SPD hatte auf einen Gegenkandidaten verzichtet und stimmte mit Mehrheit für Richard von Weizsäcker. Und wie die Fama weiß, sollen sogar einige Grüne ihm ihre Stimme gegeben haben. Da gab es in der Tat die ungeheuchelte Gemeinsamkeit der Demokraten. In Richard von Weizsäcker, genauer: in dem früh verklärten Bild des neuen Präsidenten versuchte sich die Bonner Republik wiederzuerkennen: so sind wir auch, so eigentlich möchten wir sein, so jedenfalls wollen wir gesehen werden.

Am nächsten Tag dann die gegenseitige Anklage, wer eigentlich den Bonner Staat zugrunde richte; diejenigen in der Koalition, die in der Form einer Amnestie für Spendensünder ein Attentat auf den Rechtsstaat verübten, oder diejenigen in der SPD, die sich der Amnestie widersetzten, obwohl auch sie die Spender zur „Umwegfinanzierung“ verleitet hätten. Eindrucksvoll war es schon, mit welcher Entschlossenheit die Union ihr unzerstörbar gutes Gewissen vorführte. Nicht die Amnestie, sondern die Reaktion der Opposition darauf wurde für Alfred Dregger zum Delikt: „Wir werden lange Zeit brauchen, um den Schaden zu begrenzen, der durch Ihre Selbstgerechtigkeit und Unehrlichkeit entstanden ist.“