Durch Risse im Holz schimmerte ein wenig Papier. Man hatte es nicht weiter beachtet. Bis die Statue des Bodhisattva Jizô im Kölner Museum für ostasiatische Kunst geöffnet wurde.

Von Benedikt Erenz

Alte Dinge geben ihre Geheimnisse nicht preis. Tief unten, hinter der letzten Schublade des Sekretärs, das geheime Fach. Im doppelten Boden der Truhe, in einer ausgehöhlten Statue schlafen verborgene Schätze. Keine Münzen, keine Diamanten, Kostbarkeiten anderer Art. Bomben fallen, Plünderer streifen durchs Haus; sie bleiben unberührt, von Generation zu Generation weitergereicht, von Kunstauktion zu Kunstauktion unbemerkt: ein paar Briefe, von denen niemand weiß, daß sie je geschrieben wurden, Gebete in der Not, eine verschrumpelte Rose.

Bis der Zufall, und nur der Zufall hat die Macht dazu, sie ans Tageslicht zieht. Dann halten wir etwas in der Hand, vergilbt und fremd, und staunen: Nachrichten aus einer anderen Welt.

Über siebenhundert Jahre bewahrte die Zedernstatue des Bodhisattva Jizô aus Kyoto ihr geheimes Innenleben, eine Reise um den halben Erdkreis und zwei Weltkriege hindurch, bis zu einem Tag im Mai des Jahres 1983, als ihr eine Restauratorin des Museums für Ostasiatische Kunst in Köln das schön geschnitzte, mit nur zwei Nägeln befestigte Haupt abnahm und so zum erstenmal seit dem 24. Tag des 11. Monats des Jahres 1249 Licht in das Innere des Erleuchteten fiel. Durch einen Riß im Holz hatte immer schon ein wenig Papier geschimmert, aber niemand fand dies weiter beachtenswert, war doch die ganze Figur eher unscheinbar und kunsthistorisch katalogisiert bis dahin nur eine Marginalie des an Schätzen reichen Kölner Museums. Erst jetzt wurde sie zur Sensation. Seit Januar darf nun auch das Publikum daran teilhaben; nach gründlicher Untersuchung zeigt das Museum noch bis September die so unverhofft ans Licht gekommene „Seele des Jizô“.

Der Sammler und Gründer des Museums, Adolf Fischer, der das Werk 1911 in Nara kaufte, hat sich nicht träumen lassen, was er da tatsächlich mit zurück nach Europa brachte: zahlreiche Handschriften, Tausende von Votivblättern, ein herrlich gedrucktes antikes chinesisches Buch, zwei kleine goldbronzene Buddhafiguren und, in einem bunten Seidensäckchen, die Reliquie eines Buddha. Es ist kaum zu glauben, was alles in der nur 76 Zentimeter hohen Figur Platz hatte!

Auch der Direktor des Museums, Roger Goepper, kam anfangs aus dem Staunen nicht heraus. Alle diese Gegenstände waren seit dem 13. Jahrhundert völlig unberührt und unversehrt. Ein Verzeichnis lag dabei: „Wir haben alles verglichen, kein Teil fehlte.“ Der Gewinn für das Museum ist immens, der Gewinn für die Forschung noch weit größer: Die Gebetstexte, zum Teil in Chinesisch, zum Teil in einem altertümlichen Sanskrit verfaßt, geben einen einzigartigen Einblick in die religiöse Kultur des japanischen Mittelalters. Die Votivdrucke, auf denen die Namen der Spender stehen, bilden zusammengelegt ein Who is who der kaiserlichen Hauptstadt Kyoto, zu einer Zeit, als mächtige Adelsclans um die Macht im Reich kämpften und der Kaiser schon entmündigt war.