Auf seinem Totenbett wurde Niccolö Machiavelli bedrängt, den Teufel und all dessen Werke zu verfluchen. „Dies ist nicht der Zeitpunkt, sich Feinde zu machen“, erwiderte er, lehnte sich in sein Kissen zurück und verschied.

Der Hergang ist so nicht verbürgt, die Anekdote apokryph. Aber es spiegelt sich darin das Bild des Machiavelli, wie es beherrschend durch die Jahrhunderte geistert: das des Zynikers, des kalten Interessen-Kalkulierers, jenes Fürsten-Ratgebers, der die Herrscher dazu anhält, ruhig Unrecht zu tun, wenn es denn zweckvoll ist – der Machiavelli des Principe. Es ist dies nicht derselbe, der in den Discorsi von der Notwendigkeit handelt, der zivilisierten Menschheit eine an sittlichen Normen orientierte politische Kultur zu erhalten; wie Plato in den „Gesetzen“ manches zurücknahm, was er im „Staat“ an Totalitärem skizzierte, hat auch der große Florentiner in seinen beiden Hauptwerken allerhand konsternierende Gegensätzlichkeiten untergebracht. Und selbst „Der Fürst“ – mit dem nie bloß der Monarch, sondern der Herrscher überhaupt, der Staatsmann schlechthin gemeint ist – war ja von Anfang an umstritten. Die einen sahen in dem schmalen Band den Gipfel der Unmoral, die anderen eine untadelige Beschreibung der Dinge, wie sie, so traurig dies sein mag, wirklich sind.

Vor drei Jahrzehnten habe ich diesen Widerspruch an der University of Chicago in aller Unmittelbarkeit erfahren. In einem Seminarraum saß Leo Strauss und dozierte: „Machiavell war ein Lehrer des Bösen“; im Nachbarzimmer verkündete Hans Morgenthau mit gleicher Verve, in der realen Welt, da habe der Florentiner ganz recht, seien Ethik und Politik immer nur zufällig deckungsgleich, dort zählten nur Interessen, Zwecke, Erfolge. Es war wie ein fernes Echo früherer Kontroversen.

Ein Medici-Papst ließ das Traktat 1532 – neunzehn Jahre nach seiner Abfassung – in der Vatikandruckerei drucken; schon 1559 wurde es auf den Index gesetzt. Friedrich der Große nahm in seinem Anttmachiavell (von Voltaire redigiert und 1740 auf Französisch erschienen) „die Verteidigung der Menschheit auf wider ein Ungeheuer, das sie verderben will“; er desavouierte freilich seine jugendliche Empörung durch die eigene Regierungspraxis und räumte dem Florentiner in seinem politischen Testament schließlich ein, daß in der Tat der Selbstlose zwischen den Ehrgeizigen nicht bestehen könne. Die meisten Franzosen verurteilten Machiavell, die meisten Deutschen verteidigten ihn – von Herder (er predige nicht das Böse, sondern stelle lediglich die Geschichte als Folge von Naturgegebenheiten dar) über Ranke („Er hat den Mut, Gift zu verschreiben“) und Hegel („Brandige Glieder können nicht mit Lavendelwasser geheilt werden“) bis hin zu Friedrich Meinecke, der ihn als eigentlichen Erfinder der Staatsraison pries, und Max Weber, der mit seiner Unterscheidung von Gesinnungsethik und Verantwortungsethik den Principe auf den modernen Begriff brachte. Ein Lehrer des Bösen ist Machiavell in der Tat gewesen. Wie anders ließe sich ein Mann beschreiben, der lehrte: Es ist gut, darauf eingerichtet zu sein, daß man die Menschen, wenn sie nicht mehr glauben, zwingen kann; der Fürst darf sich nicht scheuen, notfalls in den Ruf des Lasters zu kommen, wenn anders der Staat nicht zu retten ist; grausame Gewalttaten müssen alle auf einmal angewandt werden, damit sie weniger gespürt werden, Wohltaten dagegen soll man nur nach und nach erweisen, damit sie besser empfunden werden; die Menschen vergessen rascher den Tod ihres Vaters als den Verlust ihres väterlichen Erbes; der Herrscher muß Meister in der Heuchelei und Verstellung sein; er muß die Seelenstärke haben, vom Guten so lange nicht abzugehen, als es möglich ist, aber im Notfall auch verstehen, Böses zu tun; es ist besser, draufgängerisch als bedächtig zu sein; nicht Tugend oder Laster an sich zählen, sondern nur deren richtiger Gebrauch – der Zweck heiligt die Mittel. „Gott lohnt das Böse wie das Gute“, schrieb er in einem seiner Lustspiele.

Doch war Machiavell nicht böse aus Frevelhaftigkeit. Er fordert immer wieder „gute Gesetze und ein gutes Heer“ – die Gesetze der Gerechtigkeit wegen, ohne die Macht nicht dauern kann, das Heer um der Unabhängigkeit willen, die Söldner und verbündete Hilfstruppen nicht sichern können. Er projiziert seine Hoffnungen auf die kraftvolle Herrscherpersönlichkeit, aber er ist gegen Willkür; ja, er bekennt sich offen als Republikaner. Er hat dem Bösen seinen Platz neben dem Guten zugewiesen, aber er empfiehlt es nicht, noch zieht er es vor; er plädiert nur realistisch dafür, „die Art eines Übelstandes zu erkennen und das kleinere Übel als etwas Gutes hinzunehmen“. Selber sah er sich wohl jenseits von Gut und Böse.

Machiavell (1469-1527) lebte in einer Zeit der Auflösung. Italien wurde überschwemmt von französischen und spanischen Eroberern, in seinen Städten herrschten Aufruhr und Umsturz. Den segretario fiorentino, wie er sich bescheiden nannte, obwohl er eher Staatssekretär, ja Kanzler seiner Heimatstadt war, der er als Direktor des Befestigungswesens, als Chef der Miliz, als Sonderbotschafter und als Historiker diente, ließen die wirren Zeitläufte nicht ungeschoren. Im Jahre 1513 wurde er beschuldigt, an einer Verschwörung gegen die Medici beteiligt gewesen zu sein, der Streckfolter unterworfen, aus seinen Ämtern entlassen und auf sein Landgut Sant’Andrea verbannt. Der Mann, der den Principe verfaßte, war denn in doppelter Hinsicht verwundet. Er schrieb als italienischer Patriot, der sein Vaterland mehr liebte als seine Seele und ihm mit allen Mitteln einen Platz im Mächtespiel der Zeit zu schaffen suchte; zugleich schrieb er als Zwangspensionär, der dem Lorenzo de Medici sein Werk mit unterwürfiger Geste zueignete, um wieder in Amt und Würden zu gelangen – beides übrigens vergebens.

Die Verhältnisse seiner Zeit waren der eine Quell seines Denkens, die Erfahrung mit den Menschen der andere. Machiavell hielt sie für sündig und empörerisch; er nannte sie „undankbar, wankelmütig, verlogen, heuchlerisch, ängstlich und raffgierig“. Da müsse, predigte er, der Fürst Fuchs sein, um die Schlingen zu wittern, und Löwe, um die Wölfe zu schrecken; ein kluger Machthaber dürfe deshalb sein Wort nicht halten, wenn ihm dies zum Schaden gereiche. Freimütig setzte er hinzu: „Wären die Menschen alle gut, so wäre dieser Vorschlag nicht gut.“ Die Guten, heißt das, können nicht gut sein, weil es in der Welt so viele Bösewichter gibt.