Von Heinz-Gunter Kemmer

Im Gästehaus „Waldfrieden“ geht es wochentags hoch her. Denn dort enden die Besichtigungen der Warsteiner Brauerei, die man nicht zu Fuß, sondern mit einem gummibereiften Sonderzug absolviert und für die man bezahlen muß, 7,50 Mark pro Kopf. Aber dafür gibt es Verzehrbons, die im „Waldfrieden“ eingelöst werden. Bei 1,50 Mark für das 0,3-Liter-Glas reicht das schon zum Fröhlichsein.

Den Ruhrgebietsmenschen ist diese Brauerei-Besichtigung gegen Entgelt zwar ein neuer Beweis dafür, daß die Sauerländer ein räuberisches Bergvolk sind, aber sie kommen dennoch in Scharen. Das Bier aus dem 30 000-Seelen-Städtchen Warstein – zwischen Soest und Meschede gelegen – hat auch an Ruhrgebietstheken einen guten Ruf, seine Quelle kennenzulernen ist deshalb nicht ohne Reiz.

Dabei ist es noch nicht so lange her, daß die Besucher des Sauerlandes gezielt jene Kneipen ansteuerten, die mit Gerstensaft aus der Bierstadt Dortmund beliefert wurden. Den heimischen Brauern traute man nicht zu, ein gutes Bier herzustellen; Marken wie Krombacher, Veltins oder Warsteiner hatten keinen Klang.

Das änderte sich erst, als sich in den für Jahren Biere nach Pilsener Art breit machten. schmeckten herber und leichter als das süffige Dortmunder Export, wurden von den Dortmunder Brauern aber nicht ernst genommen. Man hielt das wohl für eine vorübergehende Geschmacksverirrung. Aber wenn denn schon so ein armer Irrer eine Gaststätte betrat und Pils verlangte, dann wollte man ihn nicht durstig von dannen ziehen lassen. Also durfte der Gastronom, neben dem Dortmunder Export ein „fremdes“ Pils führen, und das kam sehr häufig aus dem Sauerland.

Leichter als die Dortmunder hat es der Konkurrenz nie jemand gemacht. Und als die Brauer in Deutschlands größter Bierstadt wach wurden, war es zu spät. Da hatten sich die auf Biere Pilsener Art spezialisierten Brauereien aus der Umgebung fest in Dortmund eingenistet und genossen beim Verbraucher die größere Kompetenz. Das Dortmunder Pils, das dann endlich doch auf den Markt kam, galt vielen als zweite Wahl. Und im Sauerland muß der Reviermensch jetzt, wenn er auch dort sein heimisches Bier trinken will, schon ein bißchen suchen, ehe er die vertraute Marke findet.

Die Sauerländer Brauer sind inzwischen Hektoliter-Millionäre geworden; die Warsteiner Brauerei durchstößt in diesem Jahr sogar die Zwei-Millionen-Grenze, nachdem sie es 1983 auf genau 1 996 100 Hektoliter gebracht hat. Albert Cramer, Mitinhaber der Brauerei und für die Bereiche Technik und Vertrieb zuständig, rechnet für 1984 mit 2,2 Millionen Hektolitern. Und das ist noch nicht das Ende für die am schnellsten wachsende Großbrauerei der Bundesrepublik, die es 1950 gerade auf 18 000 Hektoliter gebracht hatte.