Daß uns im Jahre 1984 auch eine akustische Auswertung, Konsequenz, Kommentierung, Adaptation oder weiterführende Reflexion von Orwells Roman ins Haus stehen werde – wer hätte daran gezweifelt. Mauricio Kagel, Collagen- und Hörspiel-erfahren wie in der ironisch-sarkastischen Durchleuchtung von Sachverhalten aller Art engagiert, nimmt zwei Elemente des Romans auf, um sie auf seine Weise zu verfremden, neu zu erfinden und wieder zu verbinden: die „Neusprache“ und die Indoktrinationen im „Wahrheitsministerium“.

In Anlehnung an die Verkürzungstechnik der Orwellschen Metasprache kappt Kagel aus einem Katalog von Umgangswörtern deren Anfangs- und Endsilben und verbindet dann jeweils zwei Rumpfworte zu einem neuen. Die so gebildeten Pseudobegriffe erweisen sich als zwar hochtrabend, aber absolut inhaltslos. Eingesetzt in einen quasi axiomatischen Aussagesatz verkehren sie Sinn in Schablone, machen Inhalte zu Hülsen, Befehle zu einem Oktroy des Sinnlosen: “...nach einer Lektüre von Orwell“.

Kagel wäre nicht Kagel, gäbe er sich mit diesem zwar skurrilen, aber doch schon die Perversität offenbarenden Produkt zufrieden. Nach Art einer Belehrungsstunde im „Wahrheitsministerium“ und deren Auswirkung in Massendemonstrationen der Gehirngewaschenen verteilt Kagel die Un-Sätze auf einzelne Sprecher und einen Chor. Die so gewonnenen „Szenen“ werden zu Blöcken geordnet, Kapiteln mit bestimmten formalen Ähnlichkeiten, Kapiteln aber auch mit gewissen poetischen Rhythmisierungen: „Polyhaftigkeit wird Menschenkrümmung ersetzen. Überzweifen wird Appeldünstung ersetzen. Seelengewichtshörigkeit wird Verwertheit ersetzen. Gezwungkunst wird Gedächtnisgut ersetzen. Prossives wird Stammwasser ersetzen. Destruktigung wird Dynaffektieren ersetzen. Repressbarkeit wird Selbstängstigen ersetzen.“ Das erzwingt – unterstützt durch Fetzen „charakteristischer“, den Affekt noch verstärkender Musik – den Charakter von Beharrlichkeit, Unausweichlichkeit, Penetranz, von Einhämmern, Einreiben, Einpauken. Und die entsprechenden Reaktionen der Massen: zustimmende Gefügigkeit. Das alles auf der Basis hohler Formen. Und so stellt sich schnell die Frage, was da primär ist – die Sinnlosigkeit, der sich jedermann beugt und unterordnet, oder die Gewalt, die letzten Endes nur den formalen Anschein von Autorität benötigt, um sich durchzusetzen.

Der Kölner Westdeutsche Rundfunk hatte Kagels Montage am 1. Mai als Hörspiel gesendet. Das Bremer Theater bot sich jetzt für eine „Szenische Realisation“ des Tonbandkomplexes an, Uraufführungen im Rahmen der Pro Musica Nova-Tage von Radio Bremen – drei auf einen Streich.

Eine Szene für ein Hörspiel auf Un-Sinn-Sätze? Da sitzen, in einem Parkett, ähnlich unseren modernen Schuhkarton-Kinos, 28 „Zuschauer“ und sehen sich pflichtschuldigst an, was die „Führung“ wieder einmal zu vermitteln hat. Ein üblicher Vorgang also. Und so wollen sie es auch über sich ergehen lassen, wenig bis überhaupt nicht interessiert – der stämmige Herr in der letzten Reihe, der aussieht wie Lenin höchstpersönlich, fällt kaugummikauend langsam in Halbschlaf. Aber die Bilder, die da – für die eigentlichen Zuschauer unsichtbar – über den „Televisor“ flimmern, müssen etwas zeigen, das mehr ist als nur die News im Neuspracn-Jargon. Der „Zuschauer“ bemächtigt sich nach und nach Unruhe, Nervosität, Unbehagen, Grauen, Zweifel, auch einmal Begeistung, schließlich lähmendes Entsetzen: sie zerren an ihren Krawatten und Schals, starren und merken nicht, wie sie langsam sich erheben, die Fäuste ballen, sie öffnen Jacken und Blusen, wälzen sich in ihren Sitzen – Herzkrämpfe, Herzinfarkt.

Eine grausige Szene, die auch den tatsächlichen Zuschauer nicht unbeteiligt läßt – ist das da drüben nicht sein Spiegelbild? Wie nehmen wir das hin – die tägliche Gehirnverschmutzung und Gemütsverengung, die Blendung der Augen, die Verstopfung des Ohres, die Blockade des Herzens?

Nein, angenehm ist nicht, was jemandem „... nach einer Lektüre von Orwell“ eingefallen ist und nun selber wirkt. Die Frage ist allenfalls, an wem oder was es liegt. Kein Stück also für sensiblere Naturen – es sei denn, unsere alltägliche Fernseh-Realität hätte sie noch mehr desensibilisiert. Heinz Josef Herbort