Von Theo Sommer

Sie kamen bei Vollmond und Ebbe, an schroffen und abweisenden Küsten. Tagelang hatten zuvor 5500 alliierte Bomber samt ebensovielen Jagdbombern das Hinterland angegriffen. Dann sprangen, noch ehe an jenem 6. Juni 1944 der Morgen graute, amerikanische und britische Fallschirmjäger ab. Bei Tagesanbruch schossen Schlachtschiffe, Kreuzer und Zerstörer von See her Trommelfeuer; aus 5000 Schiffen gingen die GIs, die Tommies und die Männer der 3. kanadischen Infanteriedivision in die Landungsboote; der Sturm auf das Europa Adolf Hitlers begann. D-Day war da, Decision Day, der Tag der Entscheidung.

Es wurde der längste Tag der Kriegsgeschichte. Als er zu Ende war, hatten die Alliierten 154 000 Soldaten gelandet, 25 000 Lufteinsätze geflogen und zwei Brückenköpfe gebildet, 25 mal 10 Kilometer der eine, 13 mal 4 Kilometer der andere. Beispiellose Szenen hatten sich abgespielt, von Tapferkeit und Totschlag, Mord und Menschlichkeit, Blutopfer und Blutrausch. Im Horror des Gefechts wuchsen die Angreifer wie die Verteidiger über sich hinaus und lieferten Stoff für Heldensagen von archaischer Gewalt. Die Alliierten zählten rund zehntausend Gefallene und Verwundete, die Deutschen zwischen viertausend und neuntausend. Cannae, die Katalaunischen Felder und das Lechfeld, Austerlitz und Gettysburg und Königgrätz und Sedan, Port Arthur und Verdun – die großen Schlachten der Historie verblaßten vor den Kämpfen dieses einen Tages.

Und er wurde in der Tat zum Tag der Entscheidung: zum Tag, an dem die Würfel fielen. Hitler hatte kurz zuvor einmal gesagt, daß der Krieg verloren sei, falls es dem Feind gelinge, in Frankreich Fuß zu fassen. Jetzt, da die Invasion gelungen war, weigerte er sich, daraus die Konsequenz zu ziehen. Er wies jeden Gedanken an eine Beendigung des Krieges – wie sie ihm beispielsweise der Generalfeldmarschall Rommel nahelegte – brüsk zurück. Eine Zeitlang bangten die Alliierten zwar noch um den Erfolg, aber dann schlugen ihr unverbrauchter Kampfgeist und ihre ungeheure Materialüberlegenheit zu Buche.

Bei den Deutschen hingegen fehlte es an allem: an Verstärkungstruppen und an Kriegsgerät, vor allen Dingen an einsatzfähigen Luftwaffeneinheiten. Die „Wunderwaffe“ V-l, eine Woche nach der Invasion zur Vergeltung gegen England eingesetzt, bewirkte nichts; dafür bombardierten die westlichen Luftflotten unablässig und unbarmherzig die „Heimatfront“. Im Tagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht nahm nun das Vokabular des verzweifelten Rückzugs überhand: „Zurückklappen der Front“, „Begradigung“, „Aufbau einer neuen Hauptkampflinie“. Mitte Juli – zwei Tage, bevor er bei einem Tiefflieger-Angriff schwer verwundet wurde – berichtete Rommel an Hitler: „Die Truppe kämpft allerorten heldenmütig, jedoch der ungleiche Kampf neigt dem Ende entgegen.“

So war es. Im Juli brach der deutsche Verteidigungsring, im August fiel Paris, im September standen die Alliierten am Westwall. Rom war schon im Juni verlorengegangen. Kurz danach traten die Sowjets im Mittelabschnitt der Ostfront zum Angriff an; am 1. August erreichten sie die ostpreußische Grenze. So heftig sich die Deutschen auch wehrten, sich in den Ardennen sogar noch einmal zu einer desperaten Gegenoffensive aufbäumten – wider die gegnerische Übermacht half nichts mehr. Unerbittlich schrumpfte der Raum, in dem Hitlers Wort noch galt – zuletzt auf ein paar Straßengevierte um den Führerbunker in Berlin. Von der alliierten Invasion am 6. Juli 1944 führt ein gerader Weg zur deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945.

Nächste Woche versammeln sich die Sieger auf den Schlachtfeldern der Normandie zur Gedenkfeier. Es hat hierzulande eine verlegene Diskussion darüber gegeben, ob nicht der Bundeskanzler eigentlich daran hätte teilnehmen sollen. Dafür ließe sich auch manches ins Feld führen. Es ist müßig und fast ein wenig abgeschmackt, in der weltpolitischen Konfiguration des Jahres 1984 Siege aus dem Jahre 1944 in einer Weise zu feiern, die einen Partner der Gegenwart abermals auf die Anklagebank der Vergangenheit setzen. Den Gegnern von gestern hätte es wohl angestanden, in gemeinsamer Verneigung vor der Geschichte zu manifestieren, daß der Große Europäische Bürgerkrieg, der in den Jahren 1914 bis 1945 die Völker der Alten Welt und Nord-Amerikas in einen zerstörerischen Konflikt verstrickte, endgültig überwunden ist. Aber vielleicht ist es dazu noch zu früh; vielleicht muß erst die Generation der Veteranen dahingestorben sein, ehe aus wachgehaltenem nationalem Erleben die Selbstverständlichkeit gemeinsamen Erinnerns werden kann.