Von Ernst Weisenfeld

Bei den Franzosen sind seit einiger Zeit wieder die Deutschen aktuell. Es ist nicht die Frage nach der Wiedervereinigung; sie bildet nur einen Teil ihrer Sorgen und schon gar nicht der nächstliegenden, denn sie wissen, daß diese Frage nicht zur Debatte steht. Das, was die Franzosen heute bewegt und nach Erklärungen suchen läßt, hat tiefer liegende Gründe und ist zugleich weiter angelegt: Was können wir von diesen Nachbarn erwarten, solange sie ihr nationales Problem vor sich herschieben müssen? Kein Wunder, daß ihnen Zweifel kommen, wenn sie sehen, daß die Deutschen selbst zweifeln: an ihrer Identität, ihrem geschichtlichen Weg, der Sicherheit ihrer Existenz und am Sinn der Lasten, die die Einbindung ins westliche Bündnis von ihnen verlangt.

Ist es erstaunlich, wenn immer wieder Franzosen vor diesen Fragen, die so entscheidend für ihre eigene Sicherheit sind, zu alten Klischees greifen und zu Vermutungen, hinter denen sich die Tatsache verbirgt, daß man trotz einer nunmehr zwanzigjährigen engen Zusammenarbeit doch immer noch recht wenig voneinander weiß? Die Klischees und Vermutungen führen nicht selten zurück zum Rapallo-Komplex, zur Erinnerung an das deutsch-sowjetische Abkommen des Jahres 1922, das als Modellfall für Schaukelpolitik zwischen Ost und West in die Legendenbildung einging. Es gibt aber auch manche Stimmen, die sich um Verständnis für die deutsche Lage bemühen und die Deutschen keineswegs für unberechenbar halten. Drei von ihnen finden sich in einem Buch, das in den politischen Kreisen Frankreichs Beachtung fand, so daß die Herausgeberin heute für alle einschlägigen Diskussionen bemüht wird:

Renata Fritsch-Bournazel (Hrsg.), André Brigot et Jim Cloos: „Les Allemands au Coeur de l’Europe, Les Cahiers de la Fondation pour les études de defense nationale“; Paris 1983; 274 S., 55 Francs.

Die lapidare Einfachheit des Titels umfaßt das ganze Gewicht und die ganze Problematik der deutschen Frage im französischen Denken. „Deutschlands Schicksal ist es, daß nichts ohne es geschehen kann“, so interpretierte General de Gaulle die deutsche Lage „im Herzen Europas“. Renata Fritsch-Bournazel weist gleich zu Anfang auf dieses Urteil hin. „Wie ließe sich ein wahrer und dauerhafter Friede auf einer Basis aufbauen, zu der dieses große Volk nicht ja sagen kann“, heißt es bei de Gaulle weiter. Die Deutschen sind aber nicht nur das Kernstück der europäischen Politik Frankreichs. In dem Maße, in dem sie auf der Suche nach ihrer Identität sich auch wieder ihrer geographischen Lage im Herzen Europas bewußt werden, lauern auf sie auch die alten Verführungen zu einer „Mitteleuropa-Politik“, die wieder eine Schaukelpolitik zwischen Ost und West werden würde. Hier liegen die französischen Sorgen.

Renata Fritsch-Bournazel weist ihren französischen Lesern mit Auszügen aus bisher unveröffentlichten diplomatischen Akten der Jahre 1945 bis 1948 nach, daß Frankreich ja gerade diese Gefahren vor Augen hatte, als seine fortschrittlichsten Geister mahnten, man müsse den Deutschen einen gleichberechtigten Platz in einem neu zu gestaltenden Europa bereithalten – nur so werde man ihnen das Gefühl geben, „auch ihren Interessen und ihrer Zukunft Rechnung zu tragen“, wie 1948 ein vorausschauender Diplomat schrieb. Sie kommt nach einer Analyse der jüngsten innerdeutschen Diskussionen und auf der Grundlage einer detaillierten Darstellung der deutschen Ostpolitik (der sie schon mehrere Arbeiten widmete) zu dem Ergebnis: „Die Bonner Demokratie hat bewiesen, daß ihr politisches System den Herausforderungen des Terrorismus ebenso widersteht wie dem Schwindelgefühl der Utopie.“ Ein anderer Schlüsselsatz: Da niemand ein föderalistisches Europa wollte .. ., „kann es nicht darum gehen, den Deutschen eine Richtung aufzuzwingen, insbesondere nicht in den innerdeutschen Beziehungen, sondern vielmehr darum, die tieferen Gründe zu begreifen, um deretwillen die Außenpolitik Bonns die Situationen zu vermeiden sucht, in denen es zwischen Ostpolitik, europäischer Hoffnung und atlantischer Treue zu wählen hätte“.

Die deutsche Europa-Politik erhält eine kluge Würdigung in dem zweiten großen Beitrag des Buches, den der Pariser Politologe und Luxemburger Jim Cloos zum Thema „Die Bundesrepublik und die europäische Integration“ schreibt. Er stellt geradewegs die Frage: „Ist die (deutsche) Entscheidung für Europa unwiderruflich oder ist sie taktisch bedingt?“ Und er beantwortet sie nüchtern so: „Weder für die Bundesrepublik, noch für die anderen Mitglieder der Gemeinschaft ist die europäische Einheit heute ein Ziel, das unbegrenzte Opfer und rückhaltlose Zustimmung verdient.“ Er übersieht auch nicht, daß „die Westintegration gegen bestimmte Gewohnheiten deutschen Denkens ging, die sich als mitteleuropäisch definieren lassen“, wenn sich bis heute aber gegenüber der Gemeinschaft, so wie sie von den Gründern gedacht war, „das nationalstaatliche Denken wieder durchsetzte“, dann geschah das nach Jim Cloos nicht nach dem Willen der Deutschen, sondern „unter gaullistischem Einfluß“.