Von Michael Sontheimer

Der Weg ist mir geläufig wie kein anderer: Aus der Haustür raus, zwei Ecken die Potsdamer Straße rauf – die in Berlin-Schöneberg – und gleich hinter dem Postamt auf den Hof. Dort erst sieht man das im Inneren des Blocks versteckte Gründerzeithaus. Seine rote Stahltür zieren ein fünfzackiger Stern und ein Aufkleber: "Wir sind die, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben". Juristisch betrachtet, begehe ich im nächsten Moment Hausfriedensbruch, denn das Haus "Potse 130", in dem Benny Härlin mit dreißig anderen lebt, ist seit über drei Jahren besetzt.

Wir waren um elf zum Frühstück verabredet, aber obwohl ich mehr als eine Stunde zu spät komme, schläft er noch. Nichts Neues, das war schon so, als wir noch zusammen bei der taz gearbeitet haben. Nachdem er dort vor fast vier Jahren als Lokalredakteur angefangen hatte, begann unsere wechselhafte "Schreibtischehe", wir haben viel gelernt in der Zeit und sind Freunde geworden.

Sein geräumiges Zimmer mit edlem Parkett, großen Flügeltüren und Stuckdecke läßt die vergangene bürgerliche Gediegenheit nur noch ahnen. Mehrere Fensterscheiben haben Löcher, in der Ecke stehen zwei große Koffer, und der Sessel, den er mir anbietet, wackelt gefährlich. "Wenn mir etwas fremd ist, als Zustand oder Bedürfnis, ist das Gemütlichkeit", sagt er, und im Grunde läßt ihm sein atemloser Aktivismus gar keine Zeit für die Pflege von Wohnkultur. Seine Mitbewohner haben ihm ein Schild "Machen Sie es sich nicht zu leicht!" an die Tür geklebt – bevor sie an seiner notorischen Vernachlässigung der Haushaltspflichten verzweifelten und ihn fortan als nicht-wohngemeinschaftsfähigen Exzentriker duldeten.

Er streicht sich die Haare aus dem blassen, noch ein wenig verschlafenen Gesicht. Wenn ich nicht wüßte, daß er 27 ist, würde ich ihn ein paar Jahre älter schätzen. Er trägt ein gestreiftes Baumwollhemd jenseits jeder Mode und schmuddelige Blue jeans; ein krasser Gegensatz zu dem korrekt dunkel gekleideten Mann im besten Alter, der auf einem Foto über seinem Schreibtisch lacht. Es ist der Vater, an den Benny sich kaum erinnern kann. Als Camilla Härlin Weihnachten 1956 in Stuttgart die Geburt ihres fünften Kindes erwartete, hatte man dem Herrn auf dem Photo gerade noch einen Platz im Flugzeug verschaffen können. Er verzichtete allerdings auf die Heimreise, die Suezkrise war gerade auf ihrem Höhepunkt, und da ist für einen Reporter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Arbeit wichtiger als die Familie. Drei Jahre später starb er, seine Frau arbeitet mit 70 noch immer als Journalistin, beruflich ist ihr Sohn Benedikt nicht aus der Art geschlagen.

Noch vor dem Journalismus kam er allerdings zur Politik. Gerade 13 Jahre alt, verbreitete er in dem katholischen Internat St. Blasien ein Flugblatt, in dem beklagt wurde, daß die Kollegleitung den Schülern zwar gestatte, in die Junge Union einzutreten, nicht aber bei den Jungsozialisten. Undemokratisch fand er das, die Jesuiten hingegen fanden, daß er ihre Schule zu verlassen habe. Diese Pädagogik verfehlte ihre Wirkung nicht. Mit 14 war er bereits Schülersprecher, seine Affinität zum Politischen begründet er so: "Weil das eine vergleichsweise produktive Art ist, dem Hang zum Quatschen nachzugehen. Außerdem habe ich oft das Gefühl gehabt, ich lebe durch den Widerspruch. Wenn meine Eltern überzeugte Kommunisten gewesen wären, wäre ich heute vielleicht ein Konservativer." Da seine Eltern allerdings liberal-konservativ und katholisch waren, wurde er ein Linksradikaler.

Und was blieb 1974 einem jungen Linksradikalen im betulichen Schwabenland, der für den Sozialismus kämpfen, aber zugleich der Wehrpflicht entkommen wollte, anderes, als nach Berlin zu gehen? "Die vielen Kommunen, das ist doch schon der halbe Sozialismus", dachte er sich. Die Frontstädter freilich hatten weder für die Kommunen etwas übrig noch für den Sozialismus, in dessen Namen sie eingemauert worden waren. Wenn Benny mit seinen Kommilitonen und Genossen gegen die Berufsverbote oder die Diktatur in Chile demonstrierte, hieß es gewöhnlich: "Geht doch erstmal arbeiten!" Nachdem er ein wenig Psychologie studiert hatte, folgte er diesem Rat und gründete ein Photosatzkollektiv.