Von Viola Roggenkamp

Lübeck

Die rote Mehrheit in Lübeck gebrochen!" telegraphierte nach der Bundestagswahl 1953 die Lübecker CDU an den Großvater von Helmut Kohl. "Die rote Mehrheit in Lübeck wieder hergestellt!" meldete ein Jahr später nach der Landtagswahl die SPD dem damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer.

"Rot" oder "schwarz" – das Lübecker Stadtparlament ist bekannt dafür, seine politischen Mehrheiten schnell und nicht selten durch spontane Parteiaustritte zu wechseln. Nun hat sich mitten in der Legislaturperiode die CDU um ihre hauchdünne Übermacht im Lübecker Rathaus gebracht: Drei christdemokratische Bürgerschaftsmitglieder verließen ihre Partei aus Protest gegen angebliche Wahl-Manipulationen im Ortsverband und gaben ihr Mandat selbstverständlich nicht zurück.

Darum gibt es seit dem 21. Mai eine neue Fraktion. Im Stadtparlament "Die Dreierbande" genannt, heißt sie offiziell "Unabhängige Lübecker Bürger", abgekürzt ULB – wie ein gutturaler Comic-Ausruf über die eigene Position zwischen den beiden Machtblöcken im Rathaus: links 22 Sozialdemokraten, rechts 22 Christdemokraten und am Rande, gleich neben der Wand, wie gehabt als kleinste Fraktion, die FDP.

Wie so oft, wenn in Lübeck etwas passiert, für das sich unvermittelt auch die überregionale Öffentlichkeit interessiert, geschieht es am Ende einer Serie von kleinen Ärgerlichkeiten, deren Zusammenhang sich nur aufblättert bei ausreichender Kenntnis lübeckischer Verkettungen. Wer von diesen Hintergründen nichts weiß, weil er eben nie unter der Lübecker Glocke (Einigkeit nach außen, innen Zwietracht) gelebt hat, der hat nichts vom Skandal, dem sind die Kettenglieder bloß Requisiten einer willkürlichen Collage.

Darum ist es im Grunde egal, ob wir anläßlich der CDU-Krise mit dem Abbruch-Attentat der Kieler Landesbauverwaltung auf ein Lübecker Altstadthaus beginnen, oder mit der Willy-Brandt-Büste im Behnhaus, an der nur deutlich gemacht werden soll, daß in Lübeck ein Ritual – also ein Handlungsablauf wie eine Schenkung oder eine Wahl – unter Umständen auf doppeltem Boden geschehen kann.