Von Heinz-Günter Kemmer

Wer mit wachsendem Unbehagen die Obstruktionspolitik der Automobilindustrie gegen die Einführung umweltfreundlicher Kraftwagen beobachtet, der muß geradezu begeistert sein von der Aufgeschlossenheit eines anderen Wirtschaftszweiges: Die Elektrizitätserzeuger überschlagen sich bei dem Bemühen, die Abgase ihrer Kohlekraftwerke von Schwefel und Stickstoff zu befreien.

So versicherte jüngst Gerhard Hecker, der Vorstandsvorsitzende der Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke (VDEW), in wenigen Jahren werde der Schwefelausstoß der Kraftwerke um zwei Drittel verringert sein. Und Hans Krämer, der Vorstandsvorsitzende der Essener Steag, versichert: „Bei uns besteht große Bereitschaft, die Anlagen schnell und effektiv auf den Stand zu bringen, der umweltpolitisch unbedenklich ist. Wir wollen nichts verzögern.“

Die Bereitwilligkeit, mit der die Stromversorger die Umweltauflagen erfüllen wollen, wird noch überraschender, wenn man ihre Vorbehalte kennt. Für viele von Ihnen ist nämlich noch immer nicht klar erwiesen, daß zwischen dem Auswurf der Kraftwerksschornsteine und dem Waldsterben ein kausaler Zusammenhang besteht. Allenfalls läßt man eine berechtigte Vermutung gelten, und selten fehlt der Hinweis, daß aus den Schornsteinen der Stromfabriken ja nur ein Viertel des gesamten Schwefeldioxid-Ausstoßes komme. Wenn man das auf ein Fünftel verringere, sinke der Gesamtauswurf nur auf 80 Prozent seines ursprünglichen Wertes.

Die unterschiedliche Haltung von Automobilindustrie und Elektrizitätswirtschaft ist freilich schnell erklärt. Die Kraftfahrzeugproduzenten müssen die Mehrkosten in einem Wettbewerbsmarkt durchsetzen; bei den Stromerzeugern müssen die Kunden die Mehrbelastung tragen, ob sie wollen oder nicht. Einzige Gefahr für die Kraftwerksbetreiber: Bestimmte stromintensive Industrien könnten ihre Produktion wegen mangelnder internationaler Wettbewerbsfähigkeit einstellen oder ins Ausland verlagern.

Das hängt freilich entscheidend davon ab, um wieviel sich der Strom verteuert, und darüber sind sehr unterschiedliche Angaben in Umlauf – selbst die mit dem Umweltschutz beauftragten Ministerien tappen im Dunkeln. „Wir sind auf die Angaben der Kraftwerksbetreiber angewiesen, und deren Wahrheitsgehalt ist“, so klagt ein Beamter des Nordrhein-Westfälischen Arbeits- und Sozialministeriums in Düsseldorf, „nur schwer zu überprüfen.“ Da sei man in der gleichen Situation wie bei den Stromerzeugungskosten – „eines der bestgehüteten Geheimnisse“ der Bundesrepublik.

Von zwei bis drei Pfennig „Umweltzuschlag“ je Kilowattstunde hat jüngst die VDEW gesprochen, 1,5 bis 2,5 Pfennig nannte Deutschlands größter Stromerzeuger, das RWE; ein Betrag, den auch Steag-Chef Krämer für realistisch hält. Dagegen sagt Günther Herrmann vom Großkraftwerk Mannheim, bei seinem Unternehmen liege der Aufwand je Kilowattstunde mehr bei einem als bei zwei Pfennig. Dabei ist sein Unternehmen Vorreiter einer neuen Technologie, die den in der Großfeuerungsanlagen-Verordnung festgelegten Grenzwert von 400 Milligramm Schwefeldioxyd je Kubikmeter Rauchgas halbiert.