Von Helmut Trothow

Die Entstehung der kommunistischen Presse in Deutschland ist eng verbunden mit dem Namen Willi Münzenberg. Schon kurz nach der Gründung der Weimarer Rebuplik 1919 begann Willi Münzenberg, führendes KPD-Mitglied, ein Agitationsimperium aufzubauen, das später ausgedehnte Werbekampagnen durchführte und über ein weitverzweigtes Pressenetz verfügte. „Wir sind der Meinung“, begründete er sein Vorgehen, „daß es ein sträfliches Verbrechen ist, den bürgerlichen und sozialdemokratischen Konzernen das Monopol der Massenbeeinflussung ohne Kampf zu überlassen.“ Ein Markt für kommunistische Propaganda war zweifelsohne vorhanden, denn die in der Novemberrevolution 1918/19 gegründete KPD verfügte bereits 1924 über ein Anhängerpotential von fast vier Millionen Reichstagswählern. Die Zeitgenossen sprachen denn auch sehr bald vom „roten Pressezaren“ Münzenberg, der es bürgerlichen Vorbildern wie Alfred Hugenberg, dem ehemaligen Krupp-Chef und Begründer des nach ihm benannten Pressekonzerns, gleichtun wollte. „Münzenberg hat offenbar den Ehrgeiz“, urteilte der Sozialdemokrat Eugen Prager, „mit dem toten Stinnes und dem lebenden Hilgenberg auf die gleiche Stufe gestellt zu werden.“

Aber ist dieses Urteil berechtigt? Natürlich wissen wir heute, daß der Versuch der KPD scheiterte, mit Hilfe einer kommunistischen Gegenöffentlichkeit den Sturz der bürgerlichen Weimarer Republik und die Einführung einer sozialistischen Gesellschaft nach sowjetischem Vorbild einzuleiten. Die Gründe für dieses Scheitern kennen wir jedoch bisher kaum. Ebensowenig wissen wir, wie sich die Kommunisten konkret diese Gegenöffentlichkeit vorgestellt haben. Antworten bietet:

Rolf Surmann: „Die Münzenberg-Legende. Zur Publizistik der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung 1921-1933“; Prometh-Verlag, Köln 1983; 309 S., 36,– DM.

Zu Recht ist von der „Münzenberg-Legende“ die Rede. Sowohl mit dem nach Münzenberg benannten Agitationskonzern als auch mit seiner Person als Politiker sind Legenden verbunden. Willi Münzenberg war kein „politischer Kopf“ wie beispielsweise Paul Levi, der wegen der Bolschewisierung der Partei Anfang der zwanziger Jahre aus der KPD austrat und zur SPD zurückkehrte.

Münzenberg war nur ein „Macher“, der stets im geistigen Auftrag seiner Partei handelte. Rosa Meyer-Levine, die infolge ihrer Ehe mit dem bekannten KPD-Führer Ernst Meyer den inneren Führungskreis der Partei während der Weimarer Republik ziemlich genau kennenlernte, sprach in ihren Erinnerungen respektlos vom „sklavischen Diener“. Selbst die Idee zum Aufbau des Agitationsimperiums kam nicht von Münzenberg, sondern stammte von Lenin.

Anlaß waren die innerrussischen Verhältnisse: Im Sommer 1921 kam es im jungen Sowjetstaat zu einer Hungerkatastrophe, die rund 40 Millionen Menschen bedrohte. Als sich die kommunistischen Machthaber um Hilfe an die Weltöffentlichkeit wandten, war es für die deutschen Kommunisten selbstverständlich, den russischen Genossen unter die Arme zu greifen. Einerseits stand für sie nichts weniger als die Existenz des ersten kommunistischen Staates auf dem Spiel; zum anderen rührte sich bei den deutschen Genossen so etwas wie das schlechte Gewissen, hatten sie es doch am Ende des Ersten Weltkrieges nicht vermocht, die russische Revolution durch die erfolgreiche Erhebung im eigenen Land abzusichern und damit die Weltrevolution voranzubringen. Also schloß sich die KPD sogleich dem Aufruf an, der in Deutschland auch wegen des humanitären Aspektes Anklang, und zwar weit über den eigenen Anhängerkreis hinaus, fand. Wissenschaftler wie Albert Einstein, Künstler wie George Grosz und Käthe Kollwitz, bürgerliche Journalisten wie Maximilian Harden stellten sich für die Kampagne zur Verfügung. Die in Moskau residierende Kommunistische Internationale gründete daraufhin in ihrem Exekutivorgan eigens dafür ein Auslandskomitee, dessen Berliner Abteilung unter der Leitung von Clara Zetkin, Helene Stöcker und Willi Münzenberg stand. Die Internationale Arbeiter-Hilfe, kurz IAH genannt, war geboren. Ihre treibende Kraft wurde Münzenberg, dem es sogar gelang, prominente Sozialdemokraten zu gewinnen. Heinrich Peus, Landtagspräsident von Anhalt, erklärte 1923: „Wir Deutschen sahen früher nach dem Westen, aber jetzt begreifen wir, daß wir hauptsächlich nach dem Osten schauen müssen. Im Osten liegt unser Glück, nicht nur wirtschaftlich, sondern, wie ich hoffe, auch politisch. Denn wenn es den Arbeitern in Rußland gelingt, die Beherrscher Rußlands zu bleiben, so ist auch die Herrschaft der Arbeiter in Europa gesichert.“