Ein großes Fest mit kleinen Fehlern

Von Hans-Joachim Müller

Ein Blick aus dunkler Höhle, gebüschumwachsen, über offene Landschaft, Schafe, Bach, eine Brücke, Uferbäume, vor zur 53. Straße. Hier muß einmal Midtown Manhattan gewesen sein. Der Lichtspot, der aus milchigem Gewölk fällt, trifft gerade noch einen abgebrochenen Zahn, Cesar Pellis "Museums Tower", und ein Ruinenstück – vom "Museum of Modern Art".

Konkrete Utopie? Die spätarkadische Stimmung, akademischbraun gemalt, haben Vitaly Komar und Aleksandr Melamid in die Eröffnungsausstellung des erweiterten "Museums of Modern Art" gegeben. Vor solcher "posthistoire" muß die Vorstellungskraft kapitulieren. Es waltet nicht gerade Endzeitfrieden in New York. Von Depressionen keine Spur. Die amtliche Wachstumseuphorie – diese Prachtmischung aus Kapitalismus der letzten Art und bulligem amerikanischen Selbstwertgefühl – hat sich hier funkelnd neue, unerreichbar stolze Kulissen geschaffen, die selbst den erstarren lassen, der den Man-muß-ihn-nurwollen-Fortschritt vom heimischen Wendebrevier her kennt.

In New York geht es buchstäblich wieder aufwärts. Überall turmhaushohe Zeichen der wirtschaftlichen Genesung oder auch nur des Glaubens an sie. Gleich im Dutzend paradieren die jungen und jüngsten Wolkenkratzer allein zwischen der 40. und der 60. Straße. Alle in den kurzen Achtzigern geplant, hochgezogen und verkauft. In knapp zwei, drei Jahren ist die Skyline dieser Stadt in einem Maße aufgefüllt worden, wie das in den offenbar unlegitimiert verzagten siebziger Jahren undenkbar schien. Hieß es nicht unlängst noch, New York sei bankrott?

Im Orangerie-Atrium des "IBM-Towers" hat der Mann mit der Bettelbüchse Zuflucht gefunden vor der regenüberschwemmten Madison Avenue. Erfolgreicher wird er hier auch nicht sein, aber dafür sitzt er unter blühenden Bambusbäumen, und die Leute neben ihm packen ihre Hamburger-Tüten aus, und vorne auf dem Podest hat das Streichquartett Haydn, Mozart und Schubert auf dem Programm.

Die Kultur leistet bereitwillig Dekorationsdienst. Wo Wasserkaskaden stockwerkeweit über braune Marmorwände rauschen und Schaufenster messinggolden eingefaßt werden, steht mit einiger Sicherheit auch ein glänzender Flügel zur meisterlichen Bedienung. Das neue Wirtschaftswunder findet erstaunliche artistische Eskorten. Und wer an der Geschäftsfähigkeit der weitgehend privaten unterhaltenden Kultur noch irgendwelche Zweifel hatte, erhält überzeugende Beweise ihrer Marktkraft. Als besonders gelungenes Beispiel unternehmerischer Tüchtigkeit hat das 55 Jahre alte, jetzt nach dreijähriger Bauzeit wiedereröffnete "Museum of Modern Art" ("Moma") zu gelten.