Von Benjamin Henrichs

Die Musik, von Mendelssohn, ist festlich und aggressiv. Eine Jagdszene beginnt – quer über die leere, mit Torf bedeckte Bühne. Sechs Jäger, zwei Gejagte. Die Opfer, ein Mann und eine Frau, entkommen den Verfolgern nicht. Man fängt sie ein, schleppt sie zueinander, preßt gewaltsam ihre Körper aneinander, packt sie an den Haaren, drückt ihre Köpfe zusammen zu einem erzwungenen Kuß. Dann läßt man die beiden los, und das fürchterliche Spiel beginnt von neuem. Eine Szene aus einem „Stück von Pina Bausch“, uraufgeführt im Wuppertaler Schauspielhaus.

Der Held kommt von der Jagd. Er reitet auf einem hohen Spielzeug-Pferd. Die Männer, die Kampfgenossen, die ihn begleiten, tragen lange Kinder-Schwerter aus Holz. Frohgemut eilen Frauen herbei; umkreisen, liebkosen, besteigen das Pferd. Ein Schäferspiel mit allerlei Neckereien und Ringelreihen beginnt. Dann plötzlich sind die Männer weg, und die Mädchen sind traurig. Bekümmert tun sie, was Frauen angeblich so tun: sie machen erst einmal Ordnung. Sorgsam hängen sie die grauen Jacken der Männer über Stühle, fegen die Bühne mit Reisigbündeln, putzen mit Leintüchern die Holzschwerter der Männer. Szenen aus einem neuen Abend des Bremer Tanztheaters: Reinhild Hoffmann inszeniert Henry Purcells Oper „Dido und Aeneas“.

Jagen, Fangen, Küssen – das alles sind auch Kinderspiele. In Wuppertal, bei Pina Bausch, sind diese Spiele gewalttätig, traurig, manchmal von trotzigem Witz. In Bremen, bei Reinhild Hoffmann, bleibt man beim Spielen immer anmutig und sittsam, verliert auch in der Trauer niemals die tadellose tänzerische Haltung. Ein Fest inszenieren beide Abende – in Wuppertal ist es bedroht von roher Gewalt, in Bremen vom guten Geschmack. In Wuppertal geht das Tanztheater einen Schritt weiter (womöglich ins Leere), in Bremen wendet es sich um zum Ballett.

Luftballons, auch der deutsche Schlager weiß es, sind eine hübsche Sache. Es ist ein schönes Spiel, Luftballons aufzublasen. Doch dann kommt ein Spielverderber und bläst so lange, bis der Ballon vor seinem Kopf zerplatzt – und die bunten Fetzen fliegen.

Der Tänzer Jan Minarik spielt eine Schlüsselrolle im neuen Stück von Pina Bausch. Er spielt den Spielverderber. Er hat eine rote Bademütze, eine rote Sonnenbrille, seine Nase wird von einem Gummiband plattgedrückt. An den Händen trägt Minarik rosarote Gummi-Spülhandschuhe, am Leib eine kleine rote Badehose, die ein mächtiges Männer-Hinterteil eher entblößt als bedeckt. Aus der Badehose holt er immer neue Luftballons hervor, bläst sie auf, bis es kracht; oder wirft sich rücklings zu Boden und vernichtet die Ballons mit dem Gesäß. Dann hockt er jedesmal auf der Erde und schaut, den Mund halb geöffnet, bös und blöd ins Publikum.

Minarik spielt eine allegorische Figur: den Schreckens-Mann, die nackte Gewalt. Wann immer in Pina Bauschs Stück so etwas beginnt wie ein Tanz, ein Fest, eine Liebe, schreitet Minarik ein: tritt auf, räumt auf, sorgt auf der Bühne für Ordnung. So kommt kein Tanz, keine Liebe über den Anfang hinaus. Minarik ist der Gewaltherrscher über die Bühne, das Tanztheater-Reich. Blaubart, Märchen-Ungeheuer, Menschenfresser. Am Anfang wagt keiner von den Tänzern, die Torf-Bühne zu betreten. Sie schleichen, hasten, rennen an den Wänden entlang, flüchten sich bis ins Parkett. Auch wenn sie später die Bühne zögernd für ihre Spiele erobert haben, bleiben sie unter dem Bann des Bösen.