Syke

In einem Fenster des winzigen Bahnhofs von Syke hängt ein Zettel, auf dem drei große Buchstaben stehen: I, A und S. Das bedeute nicht, wird kleingedruckt erklärt, „ich armes Schwein“, sondern kürze die „Initiative arbeitsloser Syker“ ab. Nur sieben von hundert sind ohne Arbeit in Syke. Bald, hofft man im Rathaus, werden es noch weniger sein. Dann, wenn dank der Öldollars die Stadt in neuem Glanz erstrahlt – und abstrahlt. Der 19 000 Einwohner zählende Ort südlich von Bremen setzt auf Kabelfernsehen, auf Satelliten und auf die Scheichs: Syke schickt sich an, ein deutsch-arabisches Medienzentrum zu werden.

Der Mann, der das möglich machen soll, ist Roy T. Saifi, Präsident der TOP-Studios GmbH, TOP wie „Television Overseas Productions“. Und der Mann, der ihm dafür beide Daumen drückt, ist Karl-Heinz Wodtke, Stadtdirektor von Syke. Der 44jährige pflegt im Rathaus einen pragmatischen Verwaltungsstil – modern und mit Phantasie. Wenn er seine Gedanken in die Zukunft schweifen läßt, fällt sein Blick durch das Bürofenster auf das Postgrundstück gegenüber und saugt sich am Sendemast fest, der schmucklos in den niedersächsischen Himmel ragt: Da hat die Zukunft schon Form angenommen.

„Syke gehört zu den beneidenswerten Städten, die eigentlich alles bieten, ohne alles verloren zu haben“, behauptet die Verwaltung in einer Broschüre. Das ist so schön formuliert wie maßlos übertrieben, was das Angebot angeht. Die Verluste dagegen halten sich tatsächlich in Grenzen: Noch zeigt sich das Industriegebiet vor den Toren der Stadt mehr grün als grau. Mittendrin die TOP-Studios, im Rohbau fertig. Auf 3000 Quadratmeter Fläche entstehen drei Studios, eines davon ist geräumiger, als das größte von Radio Bremen.

Garderobe und Maske finden Platz, Betriebs- und Verwaltungsräume, ein Kopierwerk und eine aufwendige Klimaanlage. Eine perfekte Schalldämmung sperrt das Kreischen ewigfliegender Nato-Jäger aus. Die Studios verfügen über moderne Aufnahmetechnik, computergesteuerte Bildmisch-Tricksysteme und Geräte für komplette Video-Bearbeitung. Vom Werbespot bis zum abendfüllenden TV-Spiel kann alles aufgezeichnet werden. Ein Buntprospekt für potentielle Kunden ist schon gedruckt: in deutsch und arabisch.

Denn Roy T. Saifi ist Palästinenser, gebürtiger Syrer, aufgewachsen in Jerusalem, wo er in der evangelischen Missionsschule die deutsche Sprache und Sütterlins Schrift erlernte. Er floh 1948 und kam 1962 als mittelloser Mann in die Bundesrepublik. Nach ersten Geschäften in Bremen trieb es ihn Jahre später ins dörfliche Weyhe.

Im Nachbarort Syke kaufte er eine leerstehende Firma samt Grundstück. 20 Millionen Mark investierte er seitdem in das Projekt, das Anfang 1985 die Arbeit aufnehmen soll. Saifi versteht sich aufs Handeln, doch hier, sagt er, gehe es ihm nicht nur ums Geld. Als sein Lebenswerk sieht er die deutsch-arabische (Geschäfts-)Freundschaft an, die er in seinem diffus gebrochenen Deutsch auch damit begründet, daß man gemeinsam den Rassen entgegentreten müsse. Das ist nicht einfach. „Die Deutschen“, jammert er, „verstehen die arabische Mentalität schlecht, sie haben keine Geduld.“ Die Prinzen liebten es halt, über Geschäfte tagelang kaffeeschlürfend zu schwatzen, die Deutschen zögen es vor, Briefe zu schreiben, die die Prinzen wohl lesen würden, selten aber beantworten.